Meinung : Koalition gegen Terror: Kleine neue Weltordnung

So viele Gründe für Hoffnung. Im Nahen Osten bieten sich Arafat und Scharon nun doch die Hände zum Waffenstillstand. Und: Ungewohnte Einigkeit im UN-Sicherheitsrat. Russland und China tolerieren den Gegenschlag der USA nicht nur; sie haben angeboten, sich militärisch zu beteiligen. Das Gefühl einer gemeinsamen Bedrohung überwindet das Misstrauen und die Rivalitäten, die auch nach Ende des Ost-West-Konflikts fortbestanden hatten. Jetzt erst scheint der Kalte Krieg zu Ende zu sein. Stimmt er also doch, der große Satz, der mit ein paar Tagen Abstand etwas zu groß für die Realität erschienen war: Nichts wird mehr sein wie vorher?

Die Wucht des Anschlags auf das World Trade Center hat die weltpolitischen Koordinaten verändert. Der Anschlag wird zum Ausgangspunkt eines erdumspannenden Bündnisses gegen den Terrorismus. Es schließt selbst Staaten ein, die zuvor unter Verdacht standen, Terror zu dulden, zu finanzieren: Saudi-Arabien, Iran, Pakistan. Das ist die hoffnungsvolle Seite: Der Anschlag rüttelt die Weltpolitik auf, Prioritäten werden neu gesetzt. Das erschien schon zuvor überfällig. Die Eskalation beim Protest der Globalisierungsgegner und der Polizeigewalt in Genua, die Zuspitzung des Nahost-Konflikts ohne eine Friedensperspektive, das Scheitern der Anti-Rassismus-Konferenz in Durban - drei Schauplätze, drei Mahnungen: Es kann nicht weitergehen wie bisher. Wird New York zum Ausgangspunkt für ein Umdenken, gar eine neue Weltordnung?

So viele Gründe für Angst: Die Völker werden gerade auf die Gegenwehr eingestimmt - einen schnellen Schlag aus der Luft und auf einen langen Feldzug. Es geht nicht um Rache, auch nicht allein um Bestrafung. Sondern vor allem darum, eine Wiederholung zu verhindern. Deshalb muss man die Täter treffen und ihre Hintermänner, die womöglich in staatlichen Apparaten sitzen. Das Taliban-Regime rückt ins Visier, der Irak. Da sind Beweise gefordert, ehe die Militäraktion anläuft. Ohnehin weckt sie berechtigte Sorgen: Wird der absehbare Gegenschlag die Erde sicherer machen? Läuft die Koalition der neuen Weltordnung nicht Gefahr zu destabilisieren, was jetzt noch mühsam hält?

Pakistan, zum Beispiel, brauchen die USA als Basis für eine Operation gegen das benachbarte Afghanistan. Dorthin sind bereits Millionen Afghanen geflüchtet, fundamentalistische Gruppen haben seit Jahren Zulauf. Ein falsch geführter Schlag gegen die Taliban, verbunden mit einer neuen Flüchtlingswelle, könnte eine islamistische Revolution auslösen. Wenn US-Angriffe viele Opfer unter muslimischen Zivilisten fordern, könnte das auch die Stimmung in vielen Staaten des Nahen Osten kippen lassen.

Besonnenes Abwägen ist nötig - zwischen Bedrohungen von zwei Seiten. Überreagieren ist gefährlich. Zu große Weichheit ebenso. In "Biedermann und die Brandstifter" hat Max Frisch beschrieben, wie feiges Zurückweichen vor dem Konflikt die Katastrophe erst heraufbeschwört. Natürlich hoffen die Menschen, dass Diplomatie den Krieg verhindert. Aber einen Deal der Art, dass Osama bin Laden ausgeliefert wird, wenn seine Helfer nicht behelligt werden, darf es nicht geben. Der Anschlag von New York war nicht das Werk eines Einzeltäters. Bleibt das Netz unangetastet, das ihn ermöglichte, besteht die Gefahr einer Wiederholung. Diplomatie vermag vieles, wie der Nahe Osten zeigt. Doch sie kann das Militärische nicht ersetzen. Sie wird gebraucht, um aus der Kriegskoalition eine Stabilisierungskoalition für die gefährdeten Weltregionen zu machen - und danach, hoffentlich, eine Koalition für eine etwas gerechtere Weltordnung.

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