Meinung : Können wir Minderjährige besser vor Alkoholmissbrauch schützen?

Zur Debatte über den Alkoholkonsum von Minderjährigen

Minderjährige Jugendliche können immer noch trotz Jugendschutzgesetz problemlos Alkohol bekommen. Entweder kaufen Sie das Zeug in kleineren Läden selbst oder sie schicken einen Älteren vor, der den Alkohol legal kaufen kann. Immer wieder erlebe ich in Supermärkten - immerhin wird dort mittlerweile der Ausweis kontrolliert, wenn junge Leute Aljkohol kaufen wollen-, dass Gruppen von Jugendlichen, die offensichtlich noch keine 16 Jahre alt sind, sich in der Spirituosenabteilung bedienen, einen älteren dabeihaben, der dann an der Kasse den Gesamteinkauf bezahlt. Die ersten Flaschen werden dann meist noch vor dem Supermarkt geöffnet. Das muss endlich ein Ende haben.

Viele Deutsche reagieren auf Verbote nur, wenn diese auch durchgesetzt werden. Das sieht man täglich auf den Straßen bei den Rasern, die Tempolimits nicht akzeptieren, Steuerhinterziehung ist ein Volkssport, in Berlin sieht amn auf den Gehwegen überall Hundehaufen, obwohl diese von den Hundebesitzern beseitigt werden müssten, und so weiter und so fort. Da ist es nicht verwunderlich, wenn volljährige Jugendliche für die Jüngeren den Alkohol besorgen. Sie ordnen das als Kavaliersdelikt ein, wenn sie sich überhaupt der Strafbarkeit ihrer Handlung bewusst sind. Ich meine, man müsste gegen die, die Jugendlichen den Zugang zu Alkohol ermöglichen, viel konsequenter vorgehen – und die Strafen deutlich erhöhen.

Gerhard Kühne, Berlin-Spandau

Sehr geehrter Herr Kühne,

Sie machen sich berechtigte Sorgen um die Kinder und Jugendlichen, die exzessiv Alkohol trinken und sich damit in Gefahr für Leib und Leben bringen. Auch wenn der Alkoholkonsum unter Jugendlichen insgesamt seit vielen Jahren leicht rückläufig ist, gibt es auf der anderen Seite Subgruppen von Kindern und Jugendlichen, die immer härtere Konsumstile, im Volksmund „Komasaufen“ genannt, zeigen. Diese Jugendlichen sind zwar eine Minderheit – Untersuchungen gehen von bis zu 15 Prozent der 16- bis 18-Jährigen aus, die regelmäßig exzessives Trinken zeigen. Aber trotz der Tatsache, dass die Mehrheit der Jugendlichen mit Alkohol angemessen umzugehen vermag, sind Alkoholexzesse, bei denen junge Menschen zu Schaden kommen, tragisch und dürfen nicht passieren.

Das Einstiegsalter in den Alkoholkonsum liegt in Deutschland inzwischen bei 14 Jahren. Dies ist eindeutig zu niedrig. Verfügbarkeit und Preis von Alkohol sind auf einem erschreckend niedrigen Level. Werbebeschränkungen, deren Wirksamkeit schon mehrfach bewiesen wurde , sind wiederholt von der Alkohollobby verhindert worden. All dies begünstigt natürlich den Missbrauch dieser Droge, mit der Menschen bei richtigem, vor allem mäßigem Gebrauch viel Spaß und Freude haben können. Insofern sind die Alkoholexzesse von Jugendlichen ein fast zwangsläufiges Spiegelbild (und kein Zerrbild) einer Gesellschaft, die Alkoholkonsum und Betrunkenheit überwiegend unkritisch gegenübersteht. Unter den Jugendlichen hat sich teilweise ein Konsumstil verbreitet, der Alkohol als Funktionsdroge zum Spaßhaben und zum Ausstieg aus der Realität benutzt. Gymnasiasten zeigen dabei nach Studien aus verschiedenen deutschen Großstädten ein noch stärkeres exzessives Trinken an Wochenenden als Schülerinnen und Schüler anderer Schulformen. Knapp 20 Prozent der 16-Jährigen trinken im Monat öfter als zehnmal Alkohol. Mindestens einmal im Monat betrunken sind 30 Prozent der Mädchen und 37 Prozent der Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren.

Diese Daten zeigen, dass der Umgang vieler Jugendlicher mit Alkohol allzu leichtfertig ist. Dies kommt natürlich nicht aus heiterem Himmel, sondern ist Resultat gesellschaftlicher Einstellungen, unangemessener elterlicher Erziehungshaltungen und allgemein leichter Verfügbarkeit des Alkohols. Im Wesentlichen kann man von zwei Gruppen auffälliger jugendlicher Alkoholkonsumenten ausgehen: Zum einen diejenigen, die elterliches Trinkverhalten imitieren und in regelmäßigem, bisweilen exzessivem Alkoholkonsum kein Problem sehen, sondern oft genug damit Sorgen und Probleme behandeln. Zum anderen sind es Jugendliche, die mit ihrem auffälligen Alkoholkonsum innerhalb nicht oder kaum vorhandener Erziehungsgrenzen ihr Lebensgefühl von Spaß und Selbstbetäubung darstellen. Exzessives Alkoholtrinken findet fast immer in Gruppen Gleichaltriger statt, in denen Alkoholtrinken Statussymbol und Ausdruck eines Lebensgefühls zugleich ist.

Nach wie vor ist es allzu leicht für Jugendliche, an Alkohol zu kommen. Aus gesundheitspolitischen Gründen wäre eine Erhöhung des legalen Alters zum Erwerb und Konsum von Alkohol in der Öffentlichkeit auf 18 Jahre, wie es die meisten Nachbarländer inzwischen praktizieren, zu fordern. Auch hier hat sich die Politik in Deutschland bislang gegen die Interessen der Alkoholindustrie nicht durchsetzen können. Fazit: Die meisten Jugendlichen können mit Alkohol vernünftig und maßvoll umgehen. Dadurch können sie auch für andere Jugendliche ein glaubwürdiges Vorbild sein. Eltern sollten ihren eigenen Umgang mit Alkohol kritisch überdenken, denn allzu oft sind sie Vorbilder für ein Verhalten, für das dann nur die Jugendlichen kritisiert werden. Oft brauchen Eltern auch Hilfe und Unterstützung in der Erziehung ihrer Kinder. Allzu viele Eltern fühlen sich ohnmächtig, wenn Jugendliche Grenzen überschreiten oder sich nichts mehr sagen lassen wollen. Hier dürfen entsprechende Angebote (Erziehungsberatung, Suchtprävention) nicht eingeschränkt, sondern müssen ausgebaut werden.

Und schließlich bedarf es gezielter Einschränkungen von Alkoholwerbung, die auf Kinder und Jugendliche abzielt, höherer Preise für Alkohol und Verkaufsverbote für Alkohol in den Nachtstunden ab 22 Uhr. Die gesundheitlich positive Beeinflussung des Alkoholkonsums der Jugendlichen ist ohne eine Suchtmittelpolitik für die ganze Bevölkerung und ein Zurückdrängen der rein wirtschaftlichen Interessen der Alkoholindustrie nicht zu bewerkstelligen. Dabei sollen Jugendliche zu mündigen Bürgern und Alkoholkonsumenten werden.

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Michael Klein, Köln, Deutsches Institut für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP) an der Katholischen Hochschule NRW

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