Meinung : Kohl-Trauerfeier: Sein Maß und ihre Messe

Einem Menschen die Ehre rauben zu wollen, sagte Monsignore Erich Ramstetter in seiner Trauerrede für Hannelore Kohl, so etwas ziele immer auf das Leben und die Lebenskraft. Hannelore habe mit Helmut, ihrem Mann, das "gemeinsame bittere Leid" geteilt, dieses "schwere Schicksal", und "bis zuletzt zu ihm gehalten."

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Es war eine Rede für Helmut Kohl, den Mann, der immer Recht behalten muss. In seinem Interesse. Ihre Botschaft lautete: Die politischen Feinde und die Medien haben mit ihrer Hetzjagd auf ihn, den großen Staatsmann, seine Frau in den Freitod getrieben. Nicht sie hatte das schwere Schicksal, nein, er. Nicht ihr Leid war bitter, nein, das gemeinsame. Sie haben Helmut Kohls Ehre angegriffen, die Feinde, und damit Hannelores Lebenskraft getroffen, denn sie und er sind eine untrennbare Einheit, sein Glück ist ihr Glück. Noch in ihrem Tod, in dieser letzten Stunde, hat Hannelore Kohl sich den Wünschen und Interessen ihres Mannes unterordnen müssen, seiner Dominanz. Er, so heißt es, ist das eigentliche Opfer. Nicht einmal das war ihr gegönnt, eine Beerdigung, in deren Mittelpunkt sie steht, sie allein, ihr Leben, ihr Unglück, nicht seins.

Leid. Passt dieses Wort auf das, was Helmut Kohl vor dem Tod seiner Frau widerfahren ist, auf sein Schicksal? Er war einer der erfolgreichsten Politiker der deutschen Nachkriegszeit. Er wurde nach sechzehn Jahren abgewählt. Er wurde mit Siebzig aufs Altenteil geschickt, er hat immer noch viele Verehrer, und er hatte Schwierigkeiten, weil er sich im Parteiamt unkorrekt verhalten hat. Wenn das Leid ist, was bedeutet dann Glück? Dann hieße Glück: die Macht zu behalten, bis zuletzt, über die politischen Gegner zu triumphieren. Bis zuletzt? Vielleicht ist das wirklich die Definition, die viele unserer Spitzenpolitiker von Glück haben.

Plötzlich ist Hannelore Kohl, die Schattenfrau, die scheinbar Unwichtige, wichtig geworden. Nicht als Person. Eher als Objekt, das politisch nützlich sein könnte. Um sie tobt eine Deutungsschlacht. Die Kohl-Gegner sagen, kaum verhüllt, dass sie an ihm gestorben ist, an ihrer Einsamkeit. Die Kohl-Freunde reden so wie Erich Ramstetter in seiner Predigt. Und wenn man einen Moment lang so tut, als sei Helmut Kohl als Person gar nicht so wichtig? Wenn man einmal nur die Umstände sieht?

Die Ehe der Kohls, die traditionelle Ehe, beruht auf einer klaren Arbeitsteilung - er hat den Beruf, sie die Familie. Aber es herrscht kein Gleichgewicht der Kräfte. Das, was er tut, gilt als das weitaus Bedeutendere. Er ist groß, sie ist klein, sie sind nicht wirklich Partner. Wenn es darauf ankommt, ist sie deshalb fast immer die Schwächere. Als Hannelore Kohls Sohn heiratete - wenigstens das hätte ihr Tag sein müssen, ihr Triumph, die Krönung ihrer Rolle als allein erziehende Mutter. Er hat den Staat geleitet, sie hat die Söhne erzogen. Aber ihre Anwesenheit war offenbar nicht zwingend erforderlich. Seine schon.

Dieses Ehemodell gilt nicht mehr als Vorbild. Nein, Gleichgewicht herrscht auch heute selten, aber die Rollen werden bei den meisten Paaren nicht mehr ganz so streng getrennt. Die Patriarchen haben zumindest ein schlechtes Gewissen. Mit einer Ausnahme: die Spitzenpolitiker, die Topmanager, die Männer und, neuerdings, die Frauen mit den 80-Stunden-Jobs. Die Unersetzlichen. Ganz oben, an den Spitzen der Gesellschaft, ist das Patriarchentum noch beinahe ungebrochen, nicht von gestern, sondern Gegenwart. In Deutschland ist die Arbeitszeit seit Jahrzehnten gesunken, aber nicht für sie. Ihre Partner ordnen sich bedingungslos unter, oder sie werden von Zeit zu Zeit durch ein junges, unverbrauchtes Nachfolgemodell ersetzt. Sie haben keine Zeit, denn das, was sie tun, kann kein anderer.

Aber sie irren sich, so, wie Helmut Kohl sich geirrt hat. Sogar der Bundeskanzler ist ersetzbar. Es findet sich immer ein anderer, der es auch kann, schlimmstenfalls aus der anderen Partei. Unersetzlich ist man immer nur für eine Handvoll Menschen, und eine zweite Chance bekommt man nie. Leben kann man nicht delegieren.

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