Kohl und das Lamento : Quält euch

Der Satz des Altkanzlers, mag er banal klingen, ist doch auch wahr: dass wir hierzulande zum Lamento neigen, dass wir uns im Klein-Klein zu verlieren drohen, wiewohl wir alle Ressourcen und Möglichkeiten haben.

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Der große weise Alte – diese Rolle wird die Mehrheit der Deutschen ihm nicht zubilligen, in die wird er auch nicht mehr hineinwachsen. Dazu bedürfte es der inneren Einkehr und der Umkehr in mancher Meinung, sprich: der kritischen Selbstreflexion. Das ist seine Sache eher nicht. Aber ein Fachmann für Lebensbejahung, das war er immer, Helmut Kohl, der Osterjubilar. Und so ist der Satz des Altkanzlers, mag er banal klingen, doch auch wahr: dass wir hierzulande zum Lamento neigen, dass wir uns im Klein-Klein zu verlieren drohen, wiewohl wir alle Ressourcen und Möglichkeiten haben. Das ist allerdings eine Klage, die sich nur aufs Gegenwärtige beziehen kann, und so betrachtet, kann es kein härteres Urteil über die amtierende Koalition geben als dieses.

Es muss sich auch deswegen das Gegenwärtige in der Politik gemeint fühlen, weil Deutschland nach Kohl in einen scharfen, kalten Wind geriet. Hartz-Gesetze, Reallohnverluste, der internationale Terror und die nationalen Sicherheitsgesetze, die Kämpfe der Bundeswehr im Ausland – da mussten viele vieles ertragen, aushalten, mittragen. Dafür blieb es erstaunlich ruhig. Da hat die Gesellschaft im Ganzen Großes geleistet.

Dagegen dieses Bündnis, die Neuauflage dessen, mit dem Kohl im vorigen Jahrhundert so lange regiert hat: Es hatte alle Ressourcen und Möglichkeiten; hatte das Ergebnis, das es haben wollte; hatte die Chance, Pläne zu entwickeln, die dann nur zur Durchführung aus den Schubladen hätten gezogen werden sollen. So ist es nicht gekommen. Ganz und gar nicht. Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz als das größte Zählbare hat vor allem viele Buchstaben. Viel Wirkung steht noch aus.

Nun hat Kohl seine Nachfahren in der CDU aber auch in seiner Weise tief geprägt, Angela Merkel verwandelt sich ihm allmählich an. Nur dass die amtierende Kanzlerin nicht wie der alte Kanzler in seiner Bismarckattitüde sagt, dass sie „der Anerkennung in sehr geringem Maße bedürftig und gegen Kritik ziemlich unempfindlich sei“. Sie ist so klug, das nicht laut zu sagen; weil es auch nicht stimmte, nicht bei ihr, nicht bei Kohl, beim Eisernen auch nicht. Eher passt zu allen dreien, was Bismarck als Stoßseufzer schrieb: „Dass man sich nicht mit Warum und Darum abzuquälen, zu beweisen und zu betteln hätte bei den einfachsten Dingen.“ So denken sie, Kanzler, aber auch Koalitionäre, je länger sie regieren.

Doch wer es nicht tut – reden, argumentieren, mit Handeln überzeugen –, der verliert die Menschen, die er gewinnen will. Oder gewonnen hat, zeitweilig. In diesem Deutschland, dem demokratischen, dem hoffentlich ohne die Kabinettspolitik des 19. Jahrhunderts, werden Ämter auf Zeit vergeben. Das hat letztlich auch Kohl erfahren. Denn es wird nicht per Dekret regiert. Und gewonnen erst recht nicht. Die nächste Wahl kommt im Mai. Da hilft auch kein Lamento. Klein-Klein erst recht nicht.

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