Meinung : Kohlendioxid-Ausstoß: Was geht mich das Klima an?

Malte Lehming

Der Dienstag war ein Einschnitt. Sieben Wochen lang lief alles perfekt für den neuen amerikanischen Präsidenten. Stetig stiegen seine Umfragewerte, die Opposition war durch die Clinton-Skandale wie gelähmt, sämtliche Zweifel an seiner Legitimation, bedingt durch das knappe Wahlergebnis, hatte George W. Bush durch die Irak-Angriffe und sein freundliches Wesen aus der Welt geräumt. Sei immer nett und manchmal hart: So ließe sich seine Ideologie des "mitfühlenden Konservativismus" auch übersetzen. In Amerika kommt diese Mischung gut an. Bush im Glück.

Doch am Dienstag hat Bush sein erstes Wahlversprechen gebrochen. Einfach so. Frech, kaltschnäuzig, ohne jede Regung, die auf Skrupel oder Gewissensbisse hindeuten würde. Und mehr als das: Er hat seine komplett überraschte Umweltministerin öffentlich düpiert, seinem Außenminister ein paar zusätzliche Probleme in Europa aufgehalst, und er hat die weltweite Befürchtung genährt, dass unter seiner Ägide die Klimakatastrophe eher schneller als langsamer auf die Menschen zukommt. Damit hat Bush seiner Glaubwürdigkeit fast ebenso sehr geschadet wie der Umwelt.

Wissenschaftlich besteht kaum mehr ein Zweifel daran, dass Kohlendioxid für die globale Erderwärmung verantwortlich ist. Lediglich die amerikanische Ölindustrie sowie einige republikanische Senatoren halten diesen Zusammenhang noch für die absurde Idee einiger extremistischer Umweltschützer. Außerdem mag man für die innenpolitischen Motive, die hinter Bushs Wortbruch stehen, durchaus Verständnis haben. Die Energiepreise sind tatsächlich in den vergangenen Monaten explodiert. Hinzu kommt die anhaltend kränkelnde Wirtschaft. Viele US-Haushalte müssen inzwischen jeden Cent zweimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben.

In diesem Den-Gürtel-enger-schnallen-Klima wird jedes zusätzliche Opfer, das der Staat einfordert, um ein langfristiges Ziel zu verfolgen, höchst widerwillig dargebracht. Überdies will Bush unbedingt sein umstrittenes Steuerpaket durch den Senat bringen. Er braucht den schnellen Erfolg, um seine Position zu festigen. Da zählt der Zusammenhalt, also jede Stimme. Das Erpressungspotenzial, das Abweichler haben, ist deshalb groß.

Saubermann-Image in Gefahr

Trotzdem bleibt die Entscheidung des immer noch recht neuen amerikanischen Präsidenten ein Wortbruch. Dass Politiker ihre Meinung ändern, ist normal. Dass sie es aber innerhalb von wenigen Monaten tun und sich vor allem um 180 Grad in die falsche Richtung drehen, ist unentschuldbar. Jedenfalls hat das Saubermann-Image, das Bush sich mühsam aufgebaut hatte, um sich charakterlich von seinem Vorgänger zu unterscheiden, am Dienstag einen tiefen Kratzer bekommen. Sein Geschwätz von vorgestern scheint ihn ebensowenig zu scheren wie die Naturkatastrophe von übermorgen. Es ist der erste Sündenfall dieser Administration.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben