Meinung : Koloniale Bürde

Amerika wird in Liberia eingreifen, weil Afrika versagt

Wolfgang Drechsler

Es gibt Orte, da ist die Lage so verzweifelt, dass selbst fragwürdige Helfer willkommen sind. In Liberia soll nun eine Truppe westafrikanischer Staaten das Morden beenden. Die Friedenssoldaten aus Nigeria und anderen Staaten sind keine Verfechter von Demokratie und Menschenrechten. Aber für das zerstörte Land und für die Region sind sie ein erster Lichtblick. Denn sie können verhindern, dass die Kämpfe in Liberia einen Flächenbrand auslösen.

Während Liberia ausblutete, wartete das Ausland ab, bevor es sich nach der Elfenbeinküste und dem Kongo in einen weiteren afrikanischen Konflikt einschaltet. Die Entscheidung, in Liberia zu intervenieren, fällt US-Präsident Bush vor allem deshalb so schwer, weil die Amerikaner noch immer unter dem Trauma des gescheiterten Einsatzes 1993 in Somalia stehen. Auch sind in Liberia keine strategischen Interessen bedroht. Es gibt also, wenn überhaupt, nur einen moralisch-historischen Grund zur Intervention: Liberia wurde von Amerika für befreite Sklaven gegründet.

Wie die Amerikaner stehen auch die Friedenstruppen aus Westafrika vor einem Dilemma: Sie werden von allen Seiten zum unverzüglichen Einsatz gedrängt. Dabei geht es den Konfliktparteien in Liberia fast ausnahmslos um Plünderung und Mord. Was ist das Ziel der Intervention, wer soll später regieren? Sollte die Lurd (Liberians United for Reconciliation and Democracy) die Macht übernehmen oder gar von der völlig verängstigten Bevölkerung aus Mangel an Alternativen gewählt werden, sind Vergeltungsmaßnahmen fast garantiert und werden ethnische Spannungen aufflammen.

In der Vergangenheit haben sich afrikanische Friedensstifter in fast allen Konflikten als parteiisch erwiesen oder als unzulänglich wegen ihrer schlechten Ausbildung und Moral. Ihre Präsenz hat den Konflikt oft noch geschürt. Eine schnelle Lösung der vertrackten Lage in Liberia ist deshalb ebenso wenig zu erwarten wie zuvor im Kongo. Zur Beilegung afrikanischer Kriege und Krisen braucht es einen langen Atem – und ein entsprechend langfristiges und robustes Mandat.

Amerika wird eingreifen müssen – nicht weil es eine besondere Verantwortung für die Lage in Liberia trägt, sondern weil Afrika sich selbst dort nicht helfen kann.

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