Kolumne: Anhalter Bahnhof : Der tiefe Fall der hohen Kunst

Es gibt Kultur-Mutationen, die tun einfach nur weh. Da geht ein ungereimter Leitartikel über Israel als Gedicht durch, "Germany's Next Topmodel" wird zum Drama in sechs Akten. Die Kunst ist einfach nicht mehr das, was sie mal war.

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Was ist Kunst?
Was ist Kunst?Foto: dpa picture alliance

Kachelmann zum Beispiel. War mal Wettermoderator, wird jetzt ein Theaterstück, natürlich in Mannheim. Die Band Kraftwerk gilt neuerdings als bildende Kunst. Heutzutage ist einfach nichts mehr, was es mal war. Ein ungereimter Leitartikel über Israel geht als Gedicht durch, Computerspiele kommen im Berliner HAU auf die Bühne, und kürzlich wurde das Finale von „Germany’s next Topmodel“ zum Drama in sechs Aufzügen umgemodelt, in einem Reclam- Heft. Fußball ist sowieso großes Theater, das Theater wird immer sportlicher und, letzte Meldung, ab 2013 dürfen Frauen, die mal Männer waren, offiziell am „Miss Universe“-Wettbewerb teilnehmen. Man blickt nicht mehr durch.

Heißt das nun, dass die Welt der schönen Künste und der schnöden Unterhaltung eine einzige Recycling-Anlage ist? Ich war eine Dose statt „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ (Gertrude Stein), und überall steckt Kultur drin, in der Castingshow, im Spiel der Bundesliga-Giganten, sogar in der Politik? Oder ist es nur die globale Mobilität, die im 21. Jahrhundert erwartet wird? Analog wird digital, jeder ist ganz viele, alles muss flexibel und nachhaltig sein, denn wegwerfen darf man schon lange nichts mehr, außer in die Grüne Tonne. Also hat die Wiedergeburt Konjunktur. So kurz nach Ostern ist das selbst im christlichen Abendland ein schöner Gedanke.

Man kann es auch historisch-philosophisch betrachten. Vor 2000 Jahren schilderte der römische Poet Ovid in seinen „Metamorphosen“ (übrigens ein echtes Gedicht, mit Abertausenden von Hexametern) die Entstehung der Welt aus dem Geist der Verwandlung. Am Anfang war das Chaos, das Chaos wird Schöpfung, Io wird zur Kuh, Midas zum Esel, Narziss zur Blume, Pygmalions Statue zur lebendigen Frau und Orpheus’ unglückliche Liebe zum schönsten Gesang aller Zeiten.

Es gibt auch Mutationen, die sich zum reinen Horror auswachsen. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Der Anfang von Kafkas Käfer-Erzählung ist immer noch einer der grausigsten der Weltliteratur.

Und nicht jede Metamorphose, jede Umdichtung gelingt. Das wussten schon die guten alten Trabi-Witze, dank derer sich Ossis und Wessis nach dem Mauerfall einander anzuverwandeln begannen, im wiedervereinigten Lachen. Der Schönste geht so: Treffen sich ein Trabi und ein Kuhfladen. Fragt der Kuhfladen: Was bist du denn für einer? Sagt der Trabi: Ich bin ein Auto. Meint der Kuhfladen: Wenn du ein Auto bist, dann bin ich eine Pizza.

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