Kolumne: Dr. Wewetzer : Das Virus, das Knochen bricht

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Diesmal: Ein Impfstoff gegen das Dengue-Fieber.

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Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Dengue-Fieber hat noch einen zweiten Namen. Es heißt Knochenbrecherkrankheit. Der Ausdruck beschreibt, wie stark die Schmerzen eines Dengue-Kranken sein können. Amerikanische und japanische Soldaten kämpften im Pazifikkrieg nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen Dengue-Epidemien. In jener Zeit muss der Entschluss gereift sein, das Knochenbrecher-Virus zu besiegen. 70 Jahre danach holt die Medizin zum Gegenschlag aus: Der erste Impfstoff könnte den Erreger bald in die Knie zwingen.

Dengue ist das wichtigste, von Insekten übertragene Virus. Es ist in den Tropen und Subtropen heimisch, vor allem in Südostasien, der Pazifikregion und Süd- und Mittelamerika. Anders als der eher „ländliche“ Malaria-Erreger ist Dengue eine Krankheit der Städte geworden. Deren Wachstum ist ein Grund dafür, dass das Dengue-Fieber in den letzten 50 Jahren um das 30-fache zugenommen hat.

Jedes Jahr werden etwa 50 Millionen Menschen angesteckt – der Erreger geht vom infizierten Menschen über die Aedes-Stechmücke wieder auf den Menschen über. Die meisten Erkrankungen verlaufen gutartig, mit grippeähnlichen Beschwerden. Aber nicht alle, etwa eine halbe Million Dengue-Patienten müssen jedes Jahr wegen eines hämorrhagischen Fiebers ins Krankenhaus, etwa 20 000 sterben an der mit Kreislaufschock und inneren Blutungen einhergehenden Komplikation. Viele der Opfer sind Kinder. Die Ursache der Blutungen ist nicht bis ins Letzte geklärt, aber sie haben wahrscheinlich damit zu tun, dass das Virus bevorzugt Immunzellen befällt. Das kann zu einer Überreaktion der Körperabwehr führen, einem „Zytokin-Sturm“, bei dem körpereigene entzündungsfördernde Eiweißstoffe, Zytokine, massenhaft ins Blut gelangen. Ein Medikament gegen Dengue gibt es nicht.

Weil das Dengue-Fieber so häufig ist – potenziell sind zwei bis drei Milliarden Menschen betroffen – ist die Entwicklung eines Impfstoffs für Pharmafirmen durchaus lukrativ. Ein gesunder Wettbewerb ist im Gange, bei dem im Moment das französische Unternehmen Sanofi vor dem britischen GSK-Konzern liegt. Trotzdem ist die Entwicklung kein Kinderspiel, denn der Impfschutz muss sich gegen vier verschiedene Dengue-Virustypen richten, die jede für sich krank machen können.

Sanofi hat nun bekannt gegeben, eine erste größere Studie mit 4000 Kindern in Thailand erfolgreich abgeschlossen zu haben. Der Impfstoff besteht aus abgeschwächten, nicht mehr krank machenden Lebendviren, die sich aus einem Gelbfieber-Impfvirus als „Rückgrat“ und eingefügten Dengue-Virusgenen zusammensetzen. Die Impfung war gegen drei der vier Virustypen erfolgreich und erwies sich als sicher. Jetzt ist eine größere Untersuchung mit 31 000 Teilnehmern, eine Phase-III-Studie, in zehn Ländern im Gang. Eine Zulassung des Sanofi-Impfstoffs könnte in drei bis fünf Jahren erfolgen, wenn alles glatt geht. Die Firma ist optimistisch und hat schon einmal für 350 Millionen Euro in Frankreich eine Impfstoffanlage errichtet.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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