Kolumne : Ein Zwischenruf zu muslimischen Jobbörsen

Wer bei der Arbeit Gebetspausen machen oder ein Kopftuch tragen will, hat kaum eine Chance auf dem Mainstream-Arbeitsmarkt. Bekennende Muslime schaffen deshalb eigene Jobbörsen. Richtig so, meint unsere Autorin.

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Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.Foto: dpa

Was machen bekennende Muslime in Deutschland, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wenige Chancen haben? Wissen wir doch seit langem, behaupten notorische Islamnörgler, sie machen es sich in der sozialen Hängematte bequem und kriegen viele Kinder. Wer das glaubt, den interessiert auch nicht mehr, was sie tatsächlich tun, nämlich eigene Jobbörsen im Internet gründen. So geschehen vor einigen Monaten. Und wer nun schlussfolgert, es würde im Netz nach Imamen, Beschneidern oder Koranverteilern gefragt, der liegt wieder daneben. Es sind Allerweltsberufe, die angeboten und gesucht werden, Erzieher, Ärzte, Ingenieure, Tagesmütter, Pflegepersonal. Beispielsweise ein Fahrer, der Kranke nach Hause oder zum Arzt bringt. Muslim muss der Bewerber nicht sein, aber erwünscht ist „islamisches“ Verhalten. Darunter wird verstanden: hilfsbereit, höflich, gepflegtes Auftreten „ein Taxifahrer mit viel mehr Stil“.

Da haben wir’s doch, ließe sich mutmaßen, nun beginnt auch noch eine Islamisierung der Arbeitswelt. Typisch Parallelgesellschaft: muslimische Jobvermittler, muslimische Arbeitsanforderungen, Abschottung. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Viele Muslime wollen rein in den Arbeitsmarkt. Sie sind es leid, sich mit Moscheeverein, Küche und Teehaus zu begnügen oder regelmäßig eine Ablehnung zu bekommen. Wer das für eine Schutzbehauptung hält, der mache doch mal den Wallraff-Test: Sich als Sprechstundenhilfe, Kassiererin oder Facheinweiserin im Copy-Shop mit einem Kopftuchfoto bewerben, im Vorstellungsschreiben als Informatiker darum bitten, sich zweimal am Tag in der Pause für einige Minuten zum Gebet zurückziehen zu dürfen (wie oft sind Raucher abwesend?). Es hagelt Absagen, meistens ohne Begründung. Nur wenige Arbeitgeber entscheiden anders und verteidigen ihre Entscheidung gegenüber konsternierten Kunden. Denn noch immer gilt für viele: Integriert ist ein Muslim erst, wenn er nicht so aussieht und nicht dafür gehalten werden kann. Außerdem habe Religion am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Volle Zustimmung, wenn eine Überzeugung den Kunden und der Arbeit nachweisbar schadet.

Mit den neuen Jobbörsen aber haben bekennende Muslime selbst einen ersten Ausweg gefunden in Richtung Mainstream-Arbeitsmarkt. Weiter so.

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