Kolumne : Fußball und Philosophie

Unser Kolumnist nutzt die Gunst der Stunde, um einmal ein paar ganz grundsätzliche Dinge über Fußball zu sagen. So findet er es langweilig, pauschal Bayern München zu hassen oder Spiele nur während der WM zu verfolgen. Und auch zu Günter Grass fällt ihm noch etwas ein.

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Autor Matthias Kalle.
Autor Matthias Kalle.Foto: Promo

Fußball ist selbstverständlich kein sonderliches gutes für eine Kolumne – tatsächlich eignet sich Fußball, Sport generell, nicht unbedingt dafür, die Herzen der Leser zu öffnen und schließlich zu gewinnen. Fußball, Sport generell, ist medial am besten im Fernsehen aufgehoben. Findet Fußball, Sport generell, in Magazinen, Tageszeitungen, Online-Kolumnen statt, sinkt die Einschaltquote. Vor allem Frauen, die Magazine kaufen, in Tageszeitungen blättern und Online-Kolumnen lesen (vor allem diese hier soll – nach allem was ich von der Tagesspiegel-Online-Statistik-Redaktion weiß – quasi ausschließlich von Frauen gelesen werden), wollen mit Fußball, Sport generell, nichts zu tun haben.

Ich habe mich, so gut ich nur konnte, während meines beruflichen Lebens daran gehalten, und den Fußball vom Job getrennt. Diese Woche ist mir das unmöglich, weil ich diese Woche von Berlinern, einige von ihnen in der vierten Generation, gehört habe, dass sie sich freuen würden, wenn Hertha absteigt. Nicht klammheimlich, nicht mal heimlich: offen würden sie sich freuen, wenn das passiere.

Hertha. Herrje. Die meisten europäischen Hauptstädte haben einen Fußballverein mit Strahlkraft – Madrid hat Real, London Arsenal, Paris St. Germain, Rom AS , wobei der schönere Fußball in anderen Städten gespielt wird: Barcelona, Manchester, Marseille, Mailand. Berlin hat Hertha. Und wenn man nicht Berliner in mindestens zweiter Generation ist, dann macht es einem dieser Verein nicht leicht.

Warum Hertha noch hoffen darf
Der Blick geht nach oben. Hertha BSC (hier Adrian Ramos) hat die Hoffnung im Abstiegskampf noch lange nicht aufgegeben. Und dafür gibt es gute Gründe...Alle Bilder anzeigen
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06.04.2012 19:33Der Blick geht nach oben. Hertha BSC (hier Adrian Ramos) hat die Hoffnung im Abstiegskampf noch lange nicht aufgegeben. Und dafür...

Vor einigen Jahren schrieb Christian Ulmen im Tagesspiegel darüber eine Kolumne, sie hieß „Hertha lieben lernen“ und war ein verzweifelter Hilferuf eines Fans, der so gerne wollte, aber irgendwie nicht konnte. Im vergangenen Herbst durfte ich die Lesung des Hertha-Buches des Tagesspiegel moderieren, auf der Bühne waren Sportchef Robert Ide, Herausgeber Gerd Appenzeller und Frank Zander, und es war ein großer Abend, das Publikums, die Fans, waren eine Sensation, und da dachte ich, dass das ja doch was werden könnte, aber damals habe ich wohl Michael Preetz unterschätzt und das, was er von Dieter Hoeneß gelernt hat.

Aber: Man kann sich seinen Verein nicht aussuchen, der Verein sucht einen aus, vor 30 Jahren suchte mich Borussia Dortmund aus, das war in den meisten Jahren kein großer Spaß, aber was soll man machen, im Moment ist es ja ganz in Ordnung. Sie merken es schon: Ich gehöre einer Denkschule an, nachdem ein Mann, der mit spätestens 15 Jahren noch kein Fan eines Fußballvereins geworden ist, kein Freund des Fußballs sein kann. Gespräche mit Männern, die erst dann behaupten, sie seien Fan geworden, lehne ich ab (Gespräche mit Männern, die mit Fußball nichts anfangen können, lehne ich hingegen nicht ab, ablehne tue ich allerdings Gespräche mit Männern, die sich für Fußball nur zu Zeiten der WM oder der EM interessieren oder – noch schlimmer – die sich nur für die sympathischen Außenseiter zu Zeiten einer WM oder EM interessieren).

Es ist dann am Ende doch kompliziert, so schaue ich Fußball zum Beispiel am liebsten alleine, ich mag nicht das Geschreie und Gejubel und Gezeter um mich herum haben. Ich mag auch nicht, wenn Männer aus ihrer Fußballleidenschaft einen Lifestyle ableiten, der dann darin besteht, „coole“ Fußballmagazine zu lesen, Kicker zu spielen, das Spiel von Barcelona nicht zu mögen und Jose Mourinho für einen doofen Trainer zu halten.

Ich finde auch einen prinzipiellen Hass auf Bayern München langweilig (hingegen finde ich einen gewissen Hass auf Kaiserslautern, Thomas Tuchel und den unerträglichen Schlager „You’ll Never Walk Alone“ ganz gut) und finde es völlig in Ordnung, wenn sich Frauen für Fußball nicht interessieren und erst Recht, wenn sie damit auch nicht anfangen, um einem Mann zu imponieren. Ich glaube außerdem, das Dortmund Deutscher Meister wird, weil sie am Mittwoch 2:1 gegen Bayern gewinnen, die leider auch nicht die Champions League für sich entscheiden werden, dafür aber den DFB-Pokal nach Hause holen.

Im Übrigen habe ich Günter Grass noch nie gemocht.

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