Kolumne : Geld in den falschen Händen

Siggi hat eine gut laufende Arztpraxis, Hilde ist Chefredakteurin, Klaus besitzt eine kleine Werbeagentur und war in seiner Jugend Kommunist. Jetzt droht ihnen die Reichensteuer.

Harald Martenstein

Klaus war in seiner Jugend in einer K-Gruppe, im „Kommunistischen Bund“. Er, Siggi und Hilde saßen sogar im Zentralkomitee. Immer, wenn der KB etwas forderte, etwa 20 Prozent Lohnerhöhung für irgendeine Gruppe von Proletariern, schüttelte sein Vater, der selber Arbeiter war, den Kopf. Ihr ruiniert die Wirtschaft, sagte er, ihr spinnt, wo soll das Geld herkommen. Dann erklärte Klaus seinem Vater, dass durchaus genügend Geld vorhanden sei, es befinde sich zur Zeit lediglich in den falschen Händen, in den Händen der Banken und Konzerne, statt in den Händen der arbeitenden Menschen.

Jetzt erinnert sich Klaus manchmal an diese Parole. Die Banken und Konzerne scheinen zu großen Teilen pleite zu sein, da ist nichts mehr zu holen, eigentlich witzig. Nicht der KB hat euch fertig gemacht, ihr habt es ganz alleine geschafft, denkt Klaus. Es geht ihm gut, wie allen Genossen von früher.

Siggi hat eine gut laufende Arztpraxis, Hilde ist Chefredakteurin. Klaus besitzt eine kleine Werbeagentur, acht Angestellte. Ins Tagesgeschäft mischt er sich kaum noch ein, in drei Jahren will er aufhören. Jetzt liest er, dass die SPD die Reichensteuer auf 47 Prozent erhöhen und die Zahl der Reichensteuerpflichtigen vervielfachen will, zu den Superreichen gehört man dann als Lediger ab 125 000 Euro Brutto-Jahreseinkommen, ebenso, was in Klaus’ Fall zutrifft, als Geschiedener.

Reichensteuer, das ist ja der Hammer, denkt Klaus. Ich bin doch nicht reich, ich bin doch Mittelstand, gegen so einen Konzernmanager oder einen Bankchef bin ich ein Gartenzwerg. Wollen die, dass ich nicht mehr ins Borchardt essen gehe, oder ins Vau? Kann ich machen, aber was wird dann aus den Leuten in der Küche? Klaus sagt sich, dass er keinen betrogen und keine Staatsknete verzockt hat, er ist doch auch nur ein arbeitender Mensch. Hat Kurt Beck nicht erst vor zwei Jahren erklärt, dass der Mittelstand der Motor von Deutschlands Wirtschaft sei? Ach, Kurt Beck.

Am Sonntag besucht er seinen alten Vater. „Bei mir mit meiner Minirente ist jedenfalls nichts zu holen“, sagt der Vater, mit triumphierendem Unterton, „ich bin genauso klamm wie die Banken.“ Klaus antwortet, zu seinem eigenen Erstaunen, so hat er nämlich seit Jahren nicht mehr geredet: „Die sollte man enteignen.“ Sein Vater lacht. „Wenn du eine Firma enteignest, die eine Milliarde Schulden hat, wer zahlt dann die Milliarde? Oder willst du, dass alle in Deutschland arbeitslos sind?“ Klaus schweigt. „Kopf hoch“, sagt sein Vater. „Die Krise geht vorbei. Es ist genug Geld vorhanden, um die deutsche Wirtschaft und den Staat zu retten. Es ist zur Zeit lediglich in den falschen Händen, nämlich in den Händen von Siggi, von Hilde und von dir.“

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