Kolumne : Hilfe, der Strom wird teuer!

24.04.2011 16:19 UhrVon Harald Martenstein
Harald Martenstein: Tagesspiegel-Kolumnist. Foto: ddp
Harald Martenstein: Tagesspiegel-Kolumnist. - Foto: ddp

Ökostrom ist angeblich teurer als Atomkraft. Harald Martenstein hat das mal nachgerechnet und kommt zu dem Ergebnis: Wir werden belogen.

Jetzt schalte ich also den Fernseher an und mir wird gesagt, dass wegen des sogenannten Atomausstiegs die Strompreise steigen würden. Ich habe kürzlich meine alten Aktenordner sortiert. Dabei sind mir meine alten Stromrechnungen in die Hände gefallen. Auf diese Weise habe ich einen politischen Skandal entdeckt. Wir werden alle belogen. Sie halten uns für völlig bescheuert.

Aus meinen Rechnungen geht eindeutig hervor, dass die Strompreise seit Jahren ununterbrochen gestiegen sind. Es wurde niemals billiger. Es blieb auch nicht stabil. Es stieg. Immer! Schauen Sie sich ihre alten Stromrechnungen an – überprüfen Sie es! Zum 1. Januar 2009 haben sie die Preise beispielsweise um 8,5 Prozent erhöht, im Durchschnitt.

Zum 1. Januar 2008 wurde es um 7,5 Prozent teurer – trotz der Atomkraftwerke, die angeblich so billig sind.

Ich habe den Computer angeschaltet und habe den Begriff „Strompreisentwicklung“ gegoogelt. Seit dem Jahre 2000 sind die deutschen Strompreise um etwa 30 Prozent gestiegen. Das ist die niedrigste Schätzung, die ich gefunden habe, sie kommt mir zu optimistisch vor. Das wären ungefähr drei Prozent im Jahr, das wird doch wohl jeder zugeben, das kann doch auch jeder nachrechnen.

Die Meldung „der Strompreis wird steigen“ besitzt also etwa den gleichen Neuigkeitswert wie die Meldung „die Sonne wird morgen aufgehen“. Wenn es kritischen Journalismus geben würde oder ein Erinnerungsvermögen, dann müsste die Strompreismeldung folgendermaßen formuliert werden: „Wie in fast jedem Jahr seit der Erfindung der Elektrizität, so werden auch in diesem Jahr die Strompreise steigen. Im vergangenen Jahr lautete die Begründung Ölpreis, im vorletzten Jahr Gaspreis, in diesem Jahr lautet die Begründung Atomausstieg. Im nächsten Jahr begründen sie es mit dem Glatteis im Februar.“

Was die Höhe der künftigen Preissteigerung betrifft, werden verschiedene Zahlen genannt, besonders oft die Summe von „0,1 bis 0,9 Cent je Kilowattstunde“. Da habe ich einfach mal nachgerechnet. Ich zahle im Moment etwa 25 Cent je Kilowattstunde, und wenn dieser Preis um 0,9 Cent steigt, das Maximum, dann ergibt sich daraus fast genau der Prozentsatz, um den der Preis sowieso jedes Jahr steigt, und zwar völlig ohne Atomausstieg und mit dem Atomstrom. Falls sie aber mit 0,5 Cent auskommen, dann bedeutet dies, dass die Preise endlich mal ein bisschen langsamer steigen als üblich. Es kommt aber noch besser. Wenn alle Deutschen bei den großen, nimmersatten Stromkonzernen kündigen und zu kleinen, billigen Ökostromanbietern wechseln, dann spart jeder Haushalt so viel, dass man davon den Atomausstieg, eine Kurzreise an die See und mehrere Liter Apfelschorle kaufen kann.

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