Kolumne : Hormone und Fußball

Harald Martenstein über Kevin-Prince Boateng und andere Treter

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Im Jahre 1981 wurde dem Fußballspieler und späteren Trainer Ewald Lienen durch seinen Gegner Norbert Siegmann (Werder Bremen) das Bein vom Knie bis zur Hüfte aufgeschlitzt. Das Bein, hieß es in einer Zeitung, habe ausgesehen „wie eine geplatzte Blutwurst“. Ein Jahr darauf trat der deutsche Torhüter Toni Schumacher dem Franzosen Battiston gegen den Kopf, es sah ein bisschen nach Absicht aus und kostete Battiston drei Zähne. Der Nationaltorhüter von Paraguay, José Luis Chilavert, hat Schumacher insofern übertroffen, als er einem gegnerischen Ersatzspieler, der überhaupt nicht am Spiel teilnahm und sich nur zufällig in seiner Nähe aufhielt, mit der Faust das Nasenbein zertrümmerte. Eric Cantona (Manchester United) hat in gewisser Weise Geschichte geschrieben, weil er 1995 mit beiden gestreckten Beinen nicht einmal in einen Ersatzspieler, sondern in einen Fan hineinsprang, nachdem dieser sich am Spielfeldrand kritisch über ihn geäußert hatte. Möglicherweise findet sich unter den übelsten Fouls der Fußballgeschichte auch die Tat eines Nationaltrainers, nämlich des Argentiniers Dr. Carlos Bilardo. Bei der Weltmeisterschaft von 1990 traf Argentinien auf den Erzrivalen Brasilien. Dr. Bilardo soll dafür gesorgt haben, dass in zumindest einige Wasserflaschen der Brasilianer ein starkes, schnell wirkendes Brechmittel gemischt wurde. Die Brasilianer ließen ihre gewohnte Kreativität nahezu völlig vermissen, sie wirkten sonderbar abwesend und verloren 0:1.

Nichts von alledem gleicht nur annähernd dem Verhalten des zeitweiligen Kapitäns der walisischen Nationalmannschaft, Vinnie Jones. Jones, genannt „die Axt“, hält bis heute den Weltrekord für die schnellste gelbe Karte der Fußballgeschichte (nach drei Sekunden). Er hat bei einem Freundschaftsspiel gegen eine Kindermannschaft einen Grundschüler mithilfe einer Blutgrätsche außer Gefecht gesetzt und sagte einmal – dafür gibt es Zeugen – bereits vor Spielbeginn zu dem schottischen Fußballidol Kenny Dalglish: „Ich reiße dir das Ohr ab. Und danach spucke ich in das Loch.“ Seine übelste Tat aber beging Vinnie die Axt 1987, als er seinem Gegenspieler Paul Gascoigne zwischen die Beine griff und versuchte, ihm mit einem kräftigen Ruck die Hoden abzureißen. Jones wechselte 1999 ins Schauspielfach, er hat unter anderem in den Filmen „Die Kampfmaschine“ (2001) und „Dem Terror entkommt niemand“ (2004) mitgespielt.

Mit alldem möchte ich das bösartige Foul des Weddinger Ghanaers Kevin-Prince Boateng gegen den deutschen Capitano Michael Ballack keineswegs relativieren. Man muss allerdings wissen, dass im Fußball das Hormon Testosteron eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie Taktik oder Fitness. Deshalb bin ich für Frings.

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