Kolumne "Ich habe verstanden" : Aus Erfahrung wird man klug

Matthias Kalle kann die Aufregung um den Moderatoren Joko Winterscheidt, der in seiner Sendung so tat, als ob er eine Messehostess "unsittlich" berühre, nicht ganz nachvollziehen.

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Das Duo Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt moderiert die Sendung "NeoParadise".
Das Duo Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt moderiert die Sendung "NeoParadise".Foto: dpa

Es gibt Wochen, da ist in sieben Tagen mehr los, als in manchem Jahr - die vergangene Woche war so eine. Am Dienstag beispielsweise fand ein Fußballspiel statt, das im Grunde genommen für vier Fußballspiele gereicht hätte, denn da war ja alles drin, im Guten wie im Schlechten. Ich kenne erwachsene Männer, die sich von dem 4:4 der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden immer noch nicht erholt haben.

Ach, Männer, zwei große von ihnen sind gegangen, Harry Valerien und Wolfgang Menge, zwei Fernsehschaffende, die jeder auf seine Weise das Fernsehen geprägt haben, es besser gemacht haben, und die Fernsehkritikern wie mir immer wieder aufgezeigt haben, wie gutes Fernsehen sein kann, sein muss, sein darf. Zwei andere Männer, von denen ich nach wie vor behaupten werde, dass sie gutes, sehr gutes Fernsehen machen, stehen gerade massiv in der Kritik, nämlich Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Es geht um einen Einspieler in ihrer Show „neo Paradiese“, aufgezeichnet auf der Funkausstellung. Dort haben die beiden einander Aufgaben gestellt, und eine Aufgabe, die Heufer-Umlauf Winterscheidt stellte, besagte, er müsse eine Messehostess unsittlich berühren. Winterscheidt deutete daraufhin diese Berührungen an, es gab danach dumme Sprüche von Heufer-Umlauf, und dann gab es eine Entrüstung im Netz. Blogger fordern jetzt eine Rüge vom Fernsehrat, Heufer-Umlauf hat sich entschuldigt.

Ich weiß nicht. Der Gag war nicht gut, darüber könnte man sich aufregen, aber sonst? Vor vielen Jahren vergriff sich der Moderator Blacky Fuchsberger im Gespräch mit einer Frau im Ton, Thomas Gottschalk haute in seiner Anfangszeit einmal richtig daneben, und für die beiden galt, was jetzt so viele der deutschen Nationalmannschaft bescheinigen: passiert nie wieder, aus Erfahrung wird man klug. Winterscheidt und Heufer-Umlauf wird das so auch nicht wieder passieren, aber hoffentlich tänzeln sie weiter auf dieser Grenze, auf der sie sich im Fernsehen bewegen, denn ihr Tanz tut dem Fernsehen gut.

Am Donnerstagabend tat Benjamin von Stuckrad-Barre dem Fernsehen sehr gut. Er war Gast bei Markus Lanz, neben ihm saßen unter anderem Edmund Stoiber und Gertrud Höhler, und die Kombination Lanz – Stuckrad-Barre offenbarte ungeahnte Möglichkeiten. Während Lanz zurecht versuchte, den Krawall in seiner Sendung im Zaum zu halten, legte Stuckrad-Barre los – das war mitunter eine perfekte Doppelmoderation, good cop, bad cop. Stoiber, der ja plötzlich vor lauter Selbstironie und Altersgelassenheit wie der coolste Gentleman Deutschlands wirkt, fühlte sich sichtlich wohl, während Höhler bereits nach fünf Minuten bereute, in die Sendung gekommen zu sein. Sie wollte natürlich über ihr Angela-Merkel-Buch sprechen, Stuckrad-Barre fand aber die Frage viel interessanter, wen die „Politikberaterin“ Höhler eigentlich so beraten habe, „Adenauer oder was?“, und als die dann antwortete „zum Beispiel die CSU“, durchzuckte es Stoiber kurz, er schaute sie an und sagte: „Nein.“ Diese Markus-Lanz-Sendung hatte Stoff für vier Sendungen, so wie eben die ganze Woche Stoff für mehrere Wochen gehabt hat.

Hoffentlich wird das Wochenende ein bisschen ruhiger. Oder müssen wir etwa schon wieder die Uhr umstellen? Dann hätte der ganze Irrsinn ja noch mehr Zeit, um sich zu entfalten.

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