Kolumne "Ich habe verstanden" : Der Roman ist tot, es lebe der Roman

Unser Kolumnist Matthias Kalle hält nichts von den so oft gelesenen Todesmeldungen über den Roman. Große fiktionale Geschichten, die von Träumen und dem Veränderungswillen der Menschen berichten, werden sich durchsetzen. Auch gegen den "Super Push-up BH", der in allen Straßen hängt.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Ich hatte mir bereits alles so schön zurecht gelegt, denn mir war von Anfang an klar, dass es diese Woche für mich nur ein Thema geben kann, nämlich die Plakatwerbung des schwedischen Klamottenmultis „H&M“ für seine neue Unterwäschekollektion. Ich möchte nicht so weit gehen, dass ich mich von dieser Werbung, vor der es kein Entkommen gibt, sexuell belästigt fühle, das nicht. Es ist eher ein ästhetisches Problem, ein Problem der Moderne. Ich hätte mich zum Beispiel an der Frage abgearbeitet, ob es im Jahre 2012 allen ernstes noch so etwas geben darf wie „Super Push-up BHs“. Neben allen feministischen Bedenken ist mir das nämlich viel zu sehr 1997.

Aber dann las ich am Mittwoch den Aufmacher des Kulturteils des „Tagesspiegels“, und wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gerade ganz wenig Zeit haben, dann muss ich sie leider bitten den Text von Andreas Schäfer zu lesen und nicht diesen hier. So schön wie er kriege ich das diesmal nämlich nicht hin.

Woher nun diese mir doch eigentlich so fremde Begeisterung? Weil es in diesem klugen Text um alles geht, um das Leben, und um nichts sonst. Anlass ist diese alberne Todesmeldung den Roman betreffend, die man in diesem Herbst so oft in den deutschen Feuilletons lesen musste. Mausetot sei der Roman, er werde abgelöst durch die literarische Reportage, denn nur so könne sich Wirklichkeit fassen lassen, nur so könne man Wirklichkeit transportieren, aber man muss schon ein ziemlich kaltes Herz haben, um nichtfiktionale Stoffe mit Wirklichkeit gleichzusetzen und fiktionale eben nicht. Andreas Schäfer hat sich in seinem Text diesem Irrtum angenommen, es ist eine furiose Verteidigung des Romans, und dadurch eine furiose Verteidigung für den Gestaltungswillen des Menschen.

Schäfer beschreibt, wie er an einem verregneten Herbstmorgen in seinem Auto sitzt und den Überroman „Anna Karenina“ liest, er zitiert daraus Sätze von so großer Schönheit, von so großer Klarheit, die möglicherweise mehr mit unserem Leben zu tun haben, als das beste Sachbuch. Und dann gelingt auch Schäfer ein wunderschöner Satz, denn er will nachdenken über diese These mit dem Tod, und er schreibt „aber ich wollte die Lösung nicht im Internet finden, ich wollte selber denken, wie früher, in den Neunzigern.“ Und das schafft er auch, er findet die Lösung: „Menschen sind keine Zombies“, schreibt er, „sie träumen, wünschen und glauben nun mal an Veränderung. An die Möglichkeit eines besseren oder anderen Lebens, und so lange das so ist, werden sie auch ihre Träume und Wünsche in Geschichten fassen und umgekehrt von ihren Enttäuschungen und Lügen und den Grausamkeiten des gar nicht so glücklichen Lebens erzählen.“ So. Mehr Wirklichkeit, mehr Realität, kann es doch eigentlich gar nicht geben.

Nachdem ich also diesen Text gelesen hatte, versuchte ich mich daran zu erinnern, welche Romane mir das Leben erklärt haben, welche Romane mir Wahrheiten über die Menschen erzählt haben, und ich dachte an die Romane von J.M. Coetzee, an Philip Roth, an Steve Tesich, an Albert Camus (die Romane! Nicht die Essays!) und natürlich an „Das Phantom Alexander Wolf“, ein Buch von 1947, das man in diesem Herbst neu entdeckt hat, und das ich gerade las, und in dem mehr Wahrheit über die Liebe und was sie mit einem anrichten kann drinsteht, als vielleicht ein Mensch aus eigenem Leben erfahren wird.

Das jedenfalls glaube ich wirklich, das alles hoffe ich. Aber vielleicht ist auch der „Super Push-up BH“ die große Erzählung unserer Zeit.

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