Kolumne "Ich habe verstanden" : Die WM der hässlichen Siege

Per Mertesacker hat nach dem Spiel gegen Algerien ein trotziges TV-Interview gegeben. Und die Deutschen finden das auch noch gut! Sollen sie doch hässliche Siege feiern, findet unser Kolumnist Matthias Kalle. Dann aber ohne ihn.

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"Wat woll'n Se?" fährt Per Mertesacker den ZDF-Reporter Boris Büchler an. Den deutschen Fans gefällt's.
"Wat woll'n Se?" fährt Per Mertesacker den ZDF-Reporter Boris Büchler an. Den deutschen Fans gefällt's.Foto: dpa

Es muss leider noch einmal um dieses Interview gehen, dass der ZDF-Sportreporter Boris Büchler mit dem DFB-Abwehrspieler Per Mertesacker geführt hat, kurz nach dem Achtelfinalspiel gegen Algerien. Obwohl: Eigentlich muss es überhaupt nicht um dieses Interview gehen, sondern vielmehr darum, wie die Sicht auf dieses Interview die Deutschen eint, wie sonst kaum etwas.

Alle sind der Meinung, dass Mertesacker eine wahre Heldentat vollbracht habe, dass er Recht hat – Franz Josef Wagner meint das genau so, wie die unangepassten Jungs auf Twitter. Irgendetwas muss da also furchtbar schief gelaufen sein.

Mit Poldi am Pool und Jogi am Strand

Bis zu diesem Interview galt es als ausgemacht, dass die Art und Weise wie ARD und ZDF über das deutsche Team berichten, mehr an eine PR-Kampagne als an Journalismus erinnert. Als Beispiele wurden Interviews der ZDF-Spitzenkraft Katrin Müller-Hohenstein mit den Nationalspielern angeführt, allen voran jenes mit Lukas Podolski am Swimming Pool.

Mindestens kritisch sah man heroische Bilder des Trainers Joachim Löw, wie er am Strand entlanglief. Zu viel Nähe! Zu wenig Distanz! Und überhaupt!

Dann also das Mertesacker-Interview, kurz nach dem Spiel. Büchler fragt: „Was hat das deutsche Spiel so schwerfällig und anfällig gemacht?“ Mertesacker antwortet: „Ist mir völlig wurscht!“ Es folgt dann noch das Wort „Eistonne“ und die Gegenfrage „Wat woll’nse?“ – mehr braucht es ja heutzutage nicht zum Youtube-Hit.

Und mehr braucht es anscheinend auch nicht, um die Herzen aller fußballbegeisterten Deutschen für sich zu gewinnen: alle stimmten dem Abwehrspieler zu, die „Bild“ schrieb: „Weil Mertesacker am Ende sogar Recht hat! Schlechter, als schlecht zu gewinnen, ist gut zu verlieren.“ Wagner schrieb: „Wenn ich schön sein will, gehe ich zum Frisör. Wenn ich beim Fußball gewinnen will, ist es mir scheißegal, wie ich aussehe.“

Und Oliver Bierhoff, von dem man immer noch nicht weiß, was der beruflich eigentlich macht (vermutlich so was ähnliches wie Matthias Sammer), sagt, es sei „ungerecht, was auf die Jungs niederprasselt.“ Ach, Gottchen.

Besser als ein langweiliges Interview

Jetzt mal aufgepasst und schlau geblieben: Natürlich war das anderthalbminütige Interview eine Wohltat – das lag aber an beiden, an Mertesacker und an Büchler (so wie es damals an Sigmar Gabriel und an Marietta Slomka lag, dass das Gespräch über den SPD-Mitgliederentscheid aus der Dutzendware TV-Interview herausstach). Es braucht halt immer zwei zum Tango tanzen.

Mertesacker beharrte auf seine Sicht auf die Welt – Büchler blieb bei seiner (und es muss hier nicht darum gehen, wessen Sicht besser, realistischer ist); nur: Wenn Mertesacker sich nach so einem Spiel interviewen lässt – was genau erwartet er dann? Zwingt ihn jemand, in diesem Moment mit einem Fernsehreporter zu sprechen?

Und was wäre eigentlich los gewesen, wenn Büchler in der Tradition der vergangenen Wochen gefragt hätte: „Großer Kampf, Per! Toll gekämpft – verdient weiter, was?“ Man hätte Büchler für verrückt erklärt. Und ein wahnsinnig langweiliges Interview gehabt.

Abgesehen davon: Auch wenn die deutsche Nationalmannschaft noch dreimal hässlich gewinnt – ich werde in Brasilien so oder so nicht Weltmeister. Ich bin nicht mal in Brasilien, ich sitze vor dem Fernseher, und wenn ich vor dem Fernseher sitze, dann schaue ich mir lieber an, wie jemand in Schönheit stirbt, als in Hässlichkeit gewinnt.

Ich war auch niemals stolz auf die deutsche Fußballnationalmannschaft, aber vor vier Jahren, in Südafrika, da war ich zum ersten Mal angenehm überrascht. Da saß ich bisweilen mit offenem Mund und Tränen in den Augen vor dem Fernseher, weil mich diese deutsche Mannschaft mit dem deutschen Fußball der Vergangenheit versöhnt hat: Mit den Grottenkicks der Weltmeisterschaften 1982 und 1986 (bei denen den schönsten Fußball die brasilianische Mannschaft um das Genie Socrates spielte – gewonnen haben die natürlich nix), mit dem Schlafwagenfußball der Jahre 2000 und 2004.

Schön war das vor vier Jahren, schön und schnell und neu – und im Halbfinale war es vorbei, weil die Mannschaft eben genau so nicht mehr gespielt hat.

Und jetzt feiern sie wieder hässliche Siege. Sollen sie. Aber dann bitte ohne mich.

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