Kolumne "Ich habe verstanden" : "Ich habe ein Problem mit 'Schland!'-Rufern"

Ein Junge sucht sich keinen Verein, ein Verein sucht sich einen Jungen. Und dann bleibt er dabei. Bis heute misstraut unser Kolumnist Matthias Kalle Männern, die keinen Verein haben. Und solchen, die antworten, "aber ansonsten seien sie für Deutschland".

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Autor Matthias Kalle. Foto: Promo
Autor Matthias Kalle.Foto: Promo

Also schön, ein paar Sätze über Fußball: Ein Junge sucht sich keinen Verein, ein Verein sucht sich einen Jungen, mich fand vor sehr vielen Jahren, irgendwann in den 80ern, Borussia Dortmund und ich bin dabei geblieben, weil man so etwas dann auch nicht ändern kann, nicht ändern darf, nicht ändern soll.

Ich habe zwei Freunde, sie sind im Prinzip die einzigen, mit denen ich mir Fußballspiele im Fernsehen anschaue. Der Verein des einen ist Borussia Mönchengladbach, das kam, weil bereits sein Vater diesen Verein hatte; der Verein des anderen ist 1860 München, und das kam, weil er Münchner ist, er ist dort geboren, aufgewachsen, geblieben bis er 30 war. Biografie scheint eine Rolle zu spielen, ein Verein sucht sich eine biografische Nähe zu einem Jungen und der Junge bleibt dann bei diesem Verein. Das ist im Prinzip eine alte, eine einfach Geschichte.

Bis heute misstraue ich Männern, die keinen Verein haben. Ich misstraue auch Männern, die sich irgendwann selbst einen Verein gesucht haben vor nicht allzu langer Zeit, als der Fußball begann cool zu werden, was er ja gemeinhin bis in die 90er Jahre nicht war. Und ich misstraue bis heute Männern, die man nach ihrem Verein fragt, und die dann antworten, sie hätten keinen, aber ansonsten seien sie für Deutschland.

Fan-Jubel in Berlin nach dem Sieg über die Niederländer:

Freudentaumel in Schwarz-Rot-Gold
Körperkontakt inklusive: Das war die Fanmeile 2012 in Berlin. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
1 von 38Foto: dpa
14.06.2012 07:46Körperkontakt inklusive: Das war die Fanmeile 2012 in Berlin.

So geht das natürlich nicht, so kann das nicht funktionieren, und wie immer bei Welt- oder Europameisterschaften muss ich einen Spagat schaffen: wegen meiner Liebe zum Fußball und wegen meiner Abneigung allem Nationalem gegenüber. Das ist nämlich ein Problem. Mein Problem. Ich habe ein Problem mit Menschen, die das Deutschland-Trikot anhaben und gerade nicht gegen Portugal, Holland oder Dänemark spielen. Ich habe ein Problem mit schwarz-rot-goldenen Fahnen an Autos, Balkonen, als Umhang. Ich habe ein Problem mit „Schland!“-Rufern und ich kriege das Kotzen, wenn Deutsche im Stadion – wie am Mittwoch nach dem 1:0 durch Mario Gomez – „Sieg!“ brüllen und dazu klatschen. Ich habe ein Problem, wenn nach einem deutschen Sieg in Berlin Böller gezündet werden, Raketen aufsteigen und junge Männer die Straßen für sich okkupieren.

Das Problem wird nicht besser durch die Tatsache, dass ich im Grunde für die deutsche Mannschaft bin. Das hat ähnlich biografische Gründe wie bei dem Verein, den man hat – das ist halt so, dagegen kann man nichts machen, dass muss man hinnehmen. Andererseits bin ich  aber auch dafür, dass Philip Roth endlich die Literaturnobelpreis bekommt, aber ich renne am Tag der Verkündung trotzdem nicht seinen Namen johlend durch die Straßen und haue alles kurz und klein, wenn den Preis dann ein Lyriker aus Somalia bekommt. Vielleicht sind mir am Ende dann zu viele Sachen doch einfach auch sehr egal.

Die Fanmeile in Berlin:

Der Musiker Sven Regner hat einmal in einem Interview sinngemäß gesagt, dass Kiezkram Nazikram sei. Das finde ich auch. Stolz, Identifikation, solche Sachen, egal auf was, egal mit was, waren mir immer fremd, ich habe mich auch nie einem Ort oder einer Gruppe zugehörig gefühlt, das liegt wahrscheinlich daran, dass ich am liebsten meine Ruhe haben will. Und dass ich mich gerade beim Fußballschauen auch freue, wenn ich den genialen Italiener Andrea Pirlo sehen kann, den sensationellen Spanier Andres Iniesta, den schlauen Kroaten Luca Modric, denn ich glaube an das, was der nordirische Nationalspieler Danny Blanchflower einmal über Fußball gesagt hat: „Football is about glory, it is about doing things in style and with a flourish, about going out and beating the lot, not waiting for them to die of boredom.“ Mit so einer Aussage kommt man natürlich auf der Fanmeile nicht allzu weit.

Ach, Fans: Während der WM 2010 ließ das ZDF Fans darüber abstimmen, welchen Spitznamen sie denn der deutschen Mannschaft geben würden, schließlich hätten alle anderen Nationalmannschaften ja auch Spitznamen. Das Ergebnis einer Internetabstimmung lautete dann „Die Adler“. In der Zwischenzeit hatte eine französische Sportzeitung einen Namen im Alleingang gefunden, ohne Abstimmung, ohne Fans: La Mannschaft.

Fußball ist großartig. Wenn nur all die anderen nicht wären.

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