Kolumne "Ich habe verstanden" : Kleiderbügel sind die Geißel der Moderne

Unser Kolumnist schreibt an dieser Stelle über seine Angst vor Kleiderbügeln. Warum? Weil Kleiderbügel definitiv mehr Tücken haben als ein Staatsbesuch in Israel, die Facebook-Aktie und erst recht die Fußball-EM.

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Autor Matthias Kalle. Foto: Promo
Autor Matthias Kalle.Foto: Promo

Kommen wir also zu meiner Kleiderbügelphobie. Sie begann, wie alle Ängste, die einem befallen, an der Schwelle der Jugend hin zum Leben der Erwachsenen, von dem ich immer dachte, ich würde es vorbereitet antreten. Oh, welch Irrtum!

Wenn ich als Kind meinen Kleiderschrank öffnete, dann war irgendwie immer all es da: Aufgereiht hingen dort Jacken, Hemden, Hosen – niemals machte ich mir große Gedanken darüber, wie die in meinen Kleiderschrank kamen, ich dachte mir allerdings, meine Mutter habe damit zu tun. Was ich anziehen wollte, nahm ich vom Kleiderbügel, das war schon alles. Dann zog ich aus, und während ich mich 19 Jahre auf diesen Moment vorbereitet hatte, in dem ich mir die Schuhe zubinden, ein Brot schmieren, aufs Amt gehen, Tesafilm benutzen und die Mikrowelle bedienen konnte, ahnte ich nichts von der Sache mit den Kleiderbügeln. Wer soll einem auch so etwas beibringen?

Es begann beim Packen. Damit, dass ich die Kleider, die auf den Kleiderbügeln hingen, von der Kleiderstange abnehmen musste, um sie in einen Karton zu legen. Sperriges Zeug. Die Haken verfingen sich. Es passte nicht in den Karton. Ich musste drücken und zerren. Das Auspacken war noch schlimmer, denn – warum auch immer – die Haken hatten sich während des Transports  noch mehr miteinander vermischt, alles war ein riesengroßes Kuddelmuddel, ich bekam die Haken nicht auseinander, alles hing an allem, während ich versuche, das Wirrwarr zu lösen, wurde in meiner ersten eigenen Wohnung gestrichen, das Bett aufgebaut und die Bücher einsortiert. Es war zum Verrücktwerden.

Und es wurde nicht besser mit den Jahren. Während ich das Erwachsenenleben und all seine Begleiterscheinungen immer besser in den Griff bekam, näherte sich meine Beziehung zu Kleiderbügeln langsam aber stetig dem Nullpunkt. Weil man im Älterwerden eben auch mehr Kleidung ansammelt, braucht man mehr Kleiderbügel, mehr Kleiderbügel bedeuten in diesem Fall aber auch: mehr Chaos. Ich habe es bis heute nicht verstanden, wie sich Kleiderbügel, die eigentlich ruhig auf einer Kleiderstange liegen, überlappen können – aber sie können es. Sie können ja auch die Türen des Kleiderschrankes daran hindern, sich zu schließen, in dem sie, wenn man zum Beispiel ein Hemd vom Bügel nimmt, leicht schräg stehen und dann in dieser Stellung verharren. Irgendwann jedenfalls dachte ich, dass es nicht mehr viel schlimmer werden kann – die Beziehung zwischen mir und den Kleiderbügeln.

Wurde dann aber doch schlimmer – und zwar mit dem Tag, als ich damit anfing, meine Hemden in die Reinigung zu bringen. Eigentlich eine tolle Sache, aber diese Drahtdinger – die fiesen, bösen, kleinen Brüder des Kleiderbügels – gaben mir dann endgültig den Rest. Wer einmal, sagen wir, fünf Hemden aus der Reinigung abgeholt hat, diese dann an den drahtigen Kleiderbügel fassend nach Hause getragen hat, und dort dann feststellen musste, dass es die Fähigkeiten eines Mannes übersteigt, diese fünf drahtigen Kleiderbügel zu entwirren, der versteht vielleicht ein bisschen, warum ich Kleiderbügel für die Geißel der Moderne halte.

Kleiderbügel? War denn sonst nichts in dieser Woche, über das ein Kolumnist schreiben müsste? Mal überlegen: Joachim Gauck absolviert einen tadellosen Staatsbesuch in Israel, Joachim Löw schickt vier Spieler nach Hause, Schweden gewinnt die Eurovision Song Contest, die Facebook-Aktie stürzt ab, Bruce Springsteen zeigt in Berlin, warum seine Konzerte „the greatest show on earth“ sind. Wenn man sich über irgendetwas aufregen konnte, dann über Kleiderbügel.

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