Kolumne "Ich habe verstanden" : Pedanterie ist auch keine Lösung

Christine Lagarde mag mit ihrer Kritik an den Griechen einen wunden Punkt getroffen haben. Aber Matthias Kalle findet, es schadet auch nicht, wenn der Staat, seine Institutionen, seine Behörden, seine Mitarbeiter es mit der Genauigkeit nicht übertreiben.

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Autor Matthias Kalle.
Autor Matthias Kalle.Foto: Promo

Und manchmal ist es so, dass Themen, die einen Kolumnisten am Montag geradezu anschreiben, im Laufe der Woche von den Kollegen in einer Art und Weise aufgegriffen werden, dass man nur in Demut seinen Hut ziehen kann. Als ich nämlich darüber nachdachte, wie ich es schaffe zu erklären, dass ich mir einerseits wünsche, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft Europameister wird, dass sie ähnlich schönen Fußball spielt wie in den vergangenen zwei Jahren, und dass ich andererseits immer noch skeptisch bin gegenüber jeder Form von Nationalstolz (sei es das Hissen von Deutschlandfahnen, sei es das Tragen des Deutschland-Trikots, sei es das Brüllen von „Deutschland! Deutschland!“).

Als ich jedenfalls genau darüber nachdachte, las ich im Feuilleton der „Zeit“ den Abdruck einer Festrede, die Jens Jessen am 3. Juni gehalten hat. Anlass war die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an den Historiker Götz Aly, und selten habe ich einen Text gelesen, der mir mein Unwohlsein was dieses Land betrifft, besser erklärt. Dann habe ich auch noch das Dossier der „Zeit“ gelesen, diesmal schrieb Harald Martenstein über den „Terror der Tugend“, und nach der Lektüre dieses klugen, genauen Textes, war mein zweites Thema auch dahin. Und dann erzählte mir jemand folgende Geschichte:

Donnerstagnachmittag, Prenzlauer Berg, Kollwitzstraße. Man parkt sein Auto. Weil man ein rechtschaffender Bürger ist, geht man zum Parkscheinautomat, schmeißt Geld hinein und zieht einen Parkschein, den man gut sichtbar auf das Armaturenbrett seines Autos legt. Man kalkuliert für die Besorgungen eine Stunde Zeit ein, das Ende der Parkdauer gibt der Parkschein mit 17:12 Uhr an. Man kommt flott voran, die Besorgungen dauern nicht so lange, wie gedacht, man bummelt noch etwas, man, nun ja, flaniert, keine Hetze, keinen Stress. In Ruhe kehrt man zu seinem Wagen zurück, ein flüchtiger Blick auf die Uhr verrät: viertel nach fünf.

Doch dann das – je näher man dem Wagen kommt, um so deutlicher erkennt man, das etwas an den Scheibenwischern befestigt wurde, ein kleiner Zettel, und man denkt noch: Aha, mal wieder jemand, der jedes Fahrzeug kauft oder vielleicht die Einlandung zu einem Stadtteilfest. Man geht etwas schneller, der Zettel ist klein und weiß, und als man ihn abzieht, ist es ein Strafzettel. Überschreitung der Parkdauer. Ausgestellt um 17:13 Uhr. Eine Minute nach Ablaufen der Frist. Zwei Minuten nachdem man an seinem Wagen angelangt ist.

Ein Scherz? Ein Witz? Man blickt sich um. Wo sind die Aufschreibmenschen, wo sind sie geblieben? Das können die ja nicht im ernst meinen, die machen nur Spaß, muss ja auch mal sein, der Job ist bestimmt nicht leicht. Da hört man hinter sich eine Stimme von einer Bank im Schatten, die Stimme sagt: „Die sind weg. Aber die standen zwei Minuten vor ihrem Auto und haben auf die Uhr geschaut. Dann haben sie den Strafzettel verteilt.“ Man dreht sich um, schaut den Mann an, den Beobachter, er sagt: Die schauen sich die Parkscheine der Autos ganz genau an, die wissen, wann die ablaufen, eine Minute später sind die dann mit den Strafzetteln zu Stelle. So läuft das hier.“ Und man denkt: Ja. So läuft das hier.

Die Chefin der IWF, Christine Lagarde, forderte gerade die Griechen auf, mehr Steuern zu zahlen. Wahrscheinlich schadet es nichts, wenn man in einem Land lebt, in dem sich die meisten Bürger an das halten, was der Staat von ihnen verlangt. Aber ich glaube, es schadet auch nicht, wenn der Staat, seine Institutionen, seine Behörden, seine Mitarbeiter (und seien es auch nur die Frauen und Männer des Ordnungsamtes) es mit der Genauigkeit nicht übertreiben. Wenn beispielsweise ein Schauspieler zum „overacting“ neigt, dann wirkt das schlecht, peinlich, dumm. Man merkt dann, dass etwas nicht stimmt.

Man hat natürlich eine Stunde nach dem Erhalt des Strafzettels, das Bußgeld bezahlt. Muss ja alles seine Ordnung haben.

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