Kolumne "Ich habe verstanden" : Weichenstellungen im Theater

Während die Deutsche Bahn Weichenheizungen erneuert und über nicht gelieferte Züge klagt, werden in einem Berliner Theater die Weichen für das Leben von Jugendlichen gestellt - und sie ahnen nichts davon.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Aufmerksame Leser dieser kleinen Kolumne wissen, dass es Dinge gibt, die an dieser Stelle eigentlich nicht vorkommen - so beschäftige ich mich eigentlich nie mit der Piratenpartei, mit der Formel 1 und auch nicht mit der Deutschen Bahn. Vor allem nicht mit der Deutschen Bahn. Kolumnisten, sie sich auf Kolumnistenart mit der Deutschen Bahn auseinandersetzen, mangelt es meistens an guten Ideen - ich möchte hier das Humoristenduo Rattelschneck ausdrücklich zitieren, die über manchen ihrer Kollegen einmal sinngemäß sagten, Aktualität sei nur etwas für Menschen, denen nichts einfällt.

Am Dienstag fiel mir erst etwas auf und dann etwas ein: Ich war im Deutschen Theater, "Ödipus Stadt", mit dem großartigen Ulrich Matthes und der großartigen Susanne Wolff. Ein Drama ganz anderer Art ereignete sich allerdings in der Reihe vor mir. An jeden Abend nämlich waren mehrere Schulklassen in der Aufführung - solche Besuche befürworte ich übrigens ganz ausdrücklich. Ich bin ganz schlecht darin, das Alter von Menschen zu schätzen, gerade bei Jugendlichen, aber ich nehme mal an, die Mädchen und die Jungs vor mir waren so 14, 15 Jahre alt. Jedenfalls saßen die Mädchen zusammen, daneben dann die Jungs, direkt vor mir offensichtlich der Spaßmacher der Klasse, zuständig für die gute Laune. Nun ist es so, dass es in "Ödipus Stadt" bisweilen auch mal laut wird, die Schauspieler machen mitunter überraschende Dinge, sie benehmen sich auf der Bühne nicht unbedingt wie normale Menschen. Das sorgte anfangs bei den Schülern für Irritationen, sie konnten damit nicht umgehen, um das zu kompensieren, mussten sie darüber kichern, den Takt gab der Spaßmacher vor, der sich oft nach vorne beugte, den Blickkontakt mit den Mädchen suchte, und mit der bekannten Wischbewegung der Hand vor den Augen das Irre kommentierte. Das klappte ganz gut, aber nach einer halben Stunde änderte sich plötzlich etwas: Die Mädchen ließen sich auf das Stück ein, sie starrten auf die Bühne, vielleicht erkannten sie etwas, zum ersten Mal in ihrem Leben. Der Spaßmacher aber wollte weitermachen wie bisher, er beugte sich nach vorn, suchte die Blicke der Mädchen, aber er bekam sie nicht mehr. Als er nach einer Stunde seinem Nebenmann in seine Ablehnung involvieren wollte, bedeutete der ihm mit dem Zeigefinger auf dem Mund, dass er doch bitte still sein solle. In diesem Moment muss der Spaßmacher gedacht haben, dass die ganze Welt um ihn herum den Verstand verloren hat.

Ich aber glaube etwas anderes, ich glaube, dass der Junge, der den Spaßmacher zum Schweigen brachte derjenige sein wird, der eines der Mädchen, die gebannt auf die Bühne schauten, küssen wird, während der Spaßmacher vielleicht niemals ahnen wird, dass an diesem Abend im Theater die Weichen gestellt wurden.

A propos Weichen: Die Deutsche Bahn hat die Weichenheizungen erneuert. Damit die Reisenden nicht wieder einen Winter erleben wie 2009 oder 2010, als auf manchen Strecken und in manchen Zügen gar nichts funktionierte. Aber die Bahn befürchtet ein neues Chaos, als Grund gibt der Konzern an, dass Siemens acht bestellte ICEs nicht pünktlich liefern würde. Das heißt wohl konkret, dass ab dem 9. Dezember, wenn der Fahrplan geändert wird, 3200 Sitzplätze weniger zur Verfügung stehen als vorgesehen. Täglich wohlgemerkt. Jetzt geht die Angst um, die Angst vor einem strengen Winter, denn ein strenger Winter würde das Chaos bringen. Aber dazu fällt mir nun wirklich nichts ein.

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