Kolumne "Ich habe verstanden" : Wetter und Beschneidungsurteil: Zwei indiskutable Themen

Kolumnen übers Wetter sind eigentlich unter der Würde unseres Kolumnisten. Lieber würde er über das Beschneidungsurteil schreiben. Aber das wäre ein kurzer Text geworden.

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Autor Matthias Kalle.
Autor Matthias Kalle.Foto: Promo

Es gibt ja jetzt auch Wetterwitze, also Witze über das Wetter, ich habe ein paar gehört, sie sind alle schlecht. Seit einer Woche habe ich mit mir gerungen, ob man ernsthaft eine Kolumne über das Wetter schreiben kann, meistens dachte ich: Nee, das geht nicht, das kann man nicht machen. Gestern dachte ich: Ach, was soll’s.

Dann habe ich aber festgestellt, dass man sich auf ganz dünnes Eis begibt, wenn man über das Wetter schreibt, im Prinzip weiß man gar nicht so genau, welches Thema eigentlich heikler ist zurzeit, das Thema Beschneidung oder das Thema Wetter. Heikel deshalb, weil zu beiden Themen jeder eine Meinung hat, eine feste Meinung, von der er keinen Deut abweichen wird, schon gar nicht wegen dieser Kolumne.

Das Wetter ist allerdings noch mal ein bisschen heikler, weil man nicht ernsthaft über das Wetter schreiben kann ohne den Namen Jörg Kachelmann zu erwähnen. Einige erinnern sich vielleicht, dass Jörg Kachelmann früher versucht hat den Deutschen das Wetter zu erklären, und eine der Kachelmannschen Erklärungen lautete ungefähr so: Sommer und Sonne sind im Prinzip strunzlangweilig. Regen, Hagel, Stürme, Schnee dagegen sind interessant. Eine These, die wohl auch generell für Kachelmanns Leben gilt.

Es gab mal eine Zeit, da dachte ich ähnlich wie Kachelmann – also was jetzt das Wetter angeht. Da dachte ich zum Beispiel, ich sei eher so der Herbsttyp, so wie es ja Leute gibt, die über sich sagen, sie seien eher so ein Renaissancemensch. Die irgendwann mal Nietzsche gelesen haben oder Jacob Burckhardt und durch die Lektüre festgestellt haben, dass alles im Verfall begriffen ist: Sitte, Moral, Anstand, Bildung. Einer, der glaubt, er sei ein Renaissancemensch, meint, die Aneignung von Bildung habe vor allem mit der Aneignung der Werte und des Wissens des klassischen Altertums zu tun. Dann, so meint der Renaissancemensch, werde er zum „l'uomo universale“, zum allseitigen Menschen, den Jacob Burckhardt übrigens ohne wenn und aber nach Italien verortet (vergleiche dazu meine Kolumne über Mario Balotelli). In Rom scheint übrigens gerade die Sonne, es hat dort 32 Grad.

Hoch Xerxes kommt - und bringt die Sonne. Endlich.

Ein Platz an der Sonne in Berlin
Das Wochenende war traumhaft heiß - und auch in der kommenden Woche soll es noch schön bleiben. Im Sommer zeigt Berlin seine schönste Seite...Weitere Bilder anzeigen
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20.08.2012 11:15Das Wochenende war traumhaft heiß - und auch in der kommenden Woche soll es noch schön bleiben. Im Sommer zeigt Berlin seine...

Das wäre früher, als ich noch eher der Herbsttyp war, nicht meine Stadt gewesen. Zu warm, zu viel Sonne, zu viele fröhliche Menschen. Herbst war deshalb gut, weil im Herbst alle genau so schlechte Laune hatten, wie ich das ganze Jahr über. Als dann allerdings mit dem Alter meine Laune besser wurde, mochte ich den Regen und den Sturm und die Kälte nicht mehr so gerne – aber immer noch habe ich Verständnis für Menschen, die mit dem, was gemeinhin „gutes“ oder „schönes“ Wetter heißt, nichts anfangen können. Abgesehen davon gibt es natürlich schlechte Kleidung – aber kein falsches Wetter. Eine Sehnsucht des so genannten Renaissancemenschen besteht ja übrigens auch darin, dass er sich die Welt nach seinem Willen, nach seiner Vorstellung formen kann – keine Ahnung, ob sich das nur auf die Gesellschaft bezieht, oder auch auf das Wetter.

Ach, hätte ich mal lieber über dieses Beschneidungsurteil geschrieben. Obwohl: Dann wäre die Kolumne noch kürzer geworden. Ich finde nämlich dieses Beschneidungsurteil nicht gut. Beim Wetter weiß man wenigstens, dass es nicht so bleibt.

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