Kolumne: Leichts Sinn : Kein öder Land in dieser Zeit

Mais, Mais, Mais! Unser Autor fährt durch Deutschland und sieht nur noch Mais! Das ist nicht besonders hübsch, schlimmer aber noch: Es ist ein Zeichen einer verfehlten Energiepolitik.

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Robert Leicht war Chefredakteur der "Zeit". Heute arbeitet er für die Wochenzeitung als politischer Korrespondent. Seine Kolumne im Tagesspiegel erscheint montags im Wechsel mit Alexander Gauland.
Robert Leicht war Chefredakteur der "Zeit". Heute arbeitet er für die Wochenzeitung als politischer Korrespondent. Seine Kolumne...Foto: C.v.S.

In diesem Sommer bin ich viel durch Deutschland gefahren, nicht gerade von der Maas bis an die Memel, aber doch immerhin vom Niederrhein bis zur Magdeburger Börde und von der Schlei bis an den Bodensee, vom Schwarzwald bis ins Isartal. Ich brauchte eine kleine Weile, bis ich, der Landwirtssohn und Brauersenkel, begriff, was mir dabei so fremd und störend vorkam – dann aber ließ mich dieses blöde Bild nicht mehr los: Wo früher abwechslungsreiche Getreide-, Kartoffel- und Rübenfelder zu besichtigen waren, dominiert jetzt Mais, Mais, Mais. Achten Sie selber einmal darauf: Kein öder Land in dieser Zeit, als hier das unsere weit und breit…

Mais, Mais, Mais – und dazwischen ab und an eine Biogas-Anlage (von den Spargel-Stangen der Windkrafträder, die die Landschaft verschandeln, dieses Mal gar nicht zu reden). Wenn das die neue ökologische Energiepolitik sein soll, nein danke! Man kann die Bauern ja gar nicht dafür verurteilen, dass sie sich auf diesen Unsinn einlassen, der ihren gesamten Lebenserfahrungen zutiefst widersprechen muss. Was sollen sie schon machen, wenn man ihnen diesen Mais-Müll (denn niemand ist ja an der Maisfrucht so interessiert wie der Bäcker am Weizen und der Brauer an der Gerste, noch nicht einmal das liebe Vieh hat etwas davon) höher subventioniert als sogar die konventionelle Landwirtschaft? Dabei wissen sie selber am besten, dass eine so einseitige Felderbestellung den Boden ruiniert (von wegen Ökologie!), dass sie zudem den Wildbestand auf den Kopf stellt: Die Wildschweine, die ich seit Kindheitstagen sehr mag, fressen sich dumm und dämlich und nehmen überhand, ja finden zusätzlich Deckung in den übermannshohen Pflanzen. Das Niederwild, wie der Hase, guckt in die Mais-Röhre.

Da aber die einschlägigen Subventionen bis zum Jahr 2020 garantiert sind, verschandeln wir unser Land mit einer bodenwirtschaftlich, ökologisch und am Ende auch klimatisch höchst fragwürdigen Monokultur, die sich wegen der vorausgegangenen Investitionen auch hinterher kaum zurückbauen lässt – also: auf Dauer. Weil alles so schön nachwächst.

Das prinzipielle Problem dahinter ist das Folgende – und dies nicht nur in der forcierten Energiewende: Wer aus politischen Gründen mit viel Geld um sich wirft, erzeugt Fehlleitungen von Finanzen und Fehlsteuerungen bei Problemlösungen – siehe die nun unter großem Geheul zurückgefahrene Subventionierung einer einseitig geförderten Solarzellentechnik, siehe die Tatsache, dass die kleinen und sparsamen Energieverbraucher über den politisch festgesetzten Preis den Verbrauch der großen industriellen Energiefresser mitbezahlen müssen: eine echte Umverteilung von unten nach oben.

Viel vernünftiger wäre es, über den Preis eine echte Kosten- und Nutzentransparenz herzustellen. Die Grundregel müsste dabei nicht nur heißen: „Wer zahlt, schafft an“, sondern auch: „Wer anschafft, zahlt!“ Soll doch jeder, der Energie verbraucht, dafür den Preis entrichten, der sich an einem möglichst offenen Markt gebildet hat; er wird dann schon sehen, ob er sich das leisten will oder kann oder ob er sich angesichts seiner bisherigen Produktpalette oder seiner Verbrauchsgewohnheiten etwas einfallen lassen muss.

Wie absurd die Subventionen in der Landwirtschaftspolitik wirken, wissen wir. In der Industriepolitik kann solcher staatlicher Interventionismus nicht viel gescheiter sein. An unseren idiotisch und öde wirkenden Maisplantagen sieht man, was herauskommt, wenn Agrar- und Industriepolitik einander auch noch potenzieren. Vor Jahrzehnten hat einer einmal gesagt, man solle ihm ein paar Jahre geben und man werde Deutschland nicht wiedererkennen. Wir schaffen das heute schneller.

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