Kolumne : Man möchte die Zeit anbrüllen

Unser Autor Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart. Heute denkt er darüber nach, mit was wir uns wohl im neuen Jahr beschäftigen werden.

Moritz Rinke
Moritz Rinke. -Foto: dpa

Mit was wir uns wohl im neuen Jahr beschäftigen werden? Wird es etwas geben, das die Kundus-Affäre im Januar verdrängt? Ich schreibe dies Ende Dezember, es ist also ein Text aus dem Jahr 2009, das ging nicht anders, aber es ist auch interessant: Ob sich Kundus bis nächstes Jahr hält? Oder wird man denken: Kundus, da war doch was – was wurde denn da nun herausgefunden und mit welchen Konsequenzen?

Wenn ich ehrlich bin: Ich bin innerlich und emotional eigentlich noch im November. Bei der Koch-Affäre! Das war ja so: Roland Koch hatte Nikolaus Brender vom ZDF aus dem Job gekegelt, und so etwas Dreistes hatte man bis dato noch nicht erlebt, das war ein lupenreiner Angriff auf die Pressefreiheit.

Ich persönlich hatte nicht viel Zeit, um meine Empörung in einen geordneten Widerstand zu verwandeln. Ein Aufruf war kurze Zeit im Gespräch, unterzeichnet von Schriftstellern: Stoppt die deutsche Berlusconisierung! Bloß nicht die dunkle Meuchelgeschichte durch eine neue Personalie überstrahlen und einfach so weitermachen! Ansonsten: Keine GEZ-Gebühren mehr für öffentlich-rechtliche Konstrukte, die solche Sitten auch noch legitimieren! Die ZDF-Mitarbeiter sollen auf dem Mainzer Lerchenberg die Lichter ausschalten, nicht mehr senden! Revolution bis in die Fernsehstube!

Dazu kam es nicht. Der Roland-Koch-Angriff hatte mich im November 2009 zwar aus der Robert-Enke-Bestürzung gerissen, aber bis zur Kundus-Empörung beschäftigten mich plötzlich die nachträglichen, vor Gericht erstrittenen Bonuszahlungen für die Hypo-Real-Estate- Banker. Hypo Real Estate?? Mit wie vielen Milliarden hatten wir – die Steuerzahler – gleich noch die Bank gerettet?? Mitten in diese Frage trat schon Guido Westerwelle auf und ordnete an, dass man in Deutschland nur Deutsch zu sprechen habe, was so ungeheuerlich peinlich war, dass ich mich erst mal bei meinen in Deutschland lebenden ausländischen Freunden entschuldigen musste. „Also, wir Deutschen sind eigentlich nicht so“, sagte ich, da kam auch schon Thilo Sarrazin, der Bundesbankvorstand, mit seinen „unproduktiven muslimischen Unterschichten“. Wie schrecklich, man hätte sich das Minarettverbot aus der Schweiz in dem Moment gewünscht, aber mittlerweile sind ja auch Sarrazin, das Englisch- und das Minarettverbot längst vergessen.

Ja, man möchte manchmal die Zeit so anbrüllen, dass sie erschrocken stehen bleibt. Eigentlich wollte ich ja hier gegen Koch protestieren, aber dafür ist es nun zu spät. Geht jetzt alles so weiter? Saß Koch Weihnachten gemütlich unterm Tannenbaum? Profitierte Koch am Ende von Kundus oder der Schweinegrippe? Und sind Kopenhagen und das Weltklima im Januar auch schon aus dem Bewusstsein verschwunden?

Beschleunigung ist eine wunderschöne Sache. Das Leben ist schwirrend, wir fliegen von einem zum Nächsten, es gibt keine anstrengenden Abschlüsse oder Übergänge mehr, sondern nur Abbrüche, nachklangloses, reizvolles Weiter. Die wirklichen Konsequenzen aus Koch oder Kundus oder Kopenhagen zu ziehen, wäre, als würde man Badeschaum an die Wand nageln wollen.

Ende des Jahres saß ein US-amerikanischer Student in seinem Uniseminar und tippte vorsichtig in seine Schreibmaschine. Die anderen Studenten, die während des Seminars alle online waren und parallel googelten und twitterten, fingen an zu lachen. Sie lachten den Studenten mit der alten Schreibmaschine aus, doch ich habe mir nun auch meine alte Schreibmaschine aus dem Keller geholt, geölt und gefettet. Und ich werde in Zukunft für die Zeitung darauf schreiben. Man kann damit zwar nicht online gehen, aber vielleicht hilft sie ja mit beim Anhalten der Zeit.

Hier schreiben abwechselnd: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Moritz Rinke und Elena Senft.

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