Kolumne "Meine Heimat" : Als Heidi auf Wohnungssuche in Berlin

Unsere Kolumnistin greift auf der Wohnungssuche nach drastischen Mitteln: "Acker, nenne ich mich, nicht Akyün, damit ich endlich eine Mietwohnung finde. Oder ich klage, und kaufe mir von dem Schadenersatz eine Eigentumswohnung."

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Ich habe meinen Namen geändert. Nein, weder habe ich geheiratet noch eine Namensänderung beantragt. Ich mag meinen Namen nämlich sehr, weil ich weiß, wie er entstanden ist: Als nach der Republikgründung alle Einwohner der Türkei Nachnamen bekommen sollten, durften sie sich diese selbst aussuchen. Mein Großvater, ein Schafhirte, trug einen Pullover, den meine Großmutter ihm aus reiner, weißer Schafswolle gestrickt hatte. Als der Beamte ihn fragte, wie er heißen wolle, sagte er: „Akyün“. Deshalb heiße ich Akyün, die reine, weiße Wolle.

Der Grund, warum ich meinen Namen ändern musste, hat mit einer neuen Erfahrung zu tun. Leider zwingt sie mich, meinen Namen akustisch zu verunstalten – in Hackemüller, Acker oder, um den Sinn zu wahren, in Wollweiß. Um die komplizierte Sachlage zu verdeutlichen, muss ich ein wenig ausholen. Schon sehr lange suche ich eine Mietwohnung in Charlottenburg. Nichts Spektakuläres, nichts Luxuriöses, eine einfache Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnung mit einem Balkon und einem bezahlbaren Preis. Ein Freund ist ebenfalls auf Wohnungssuche. Uns trennt das eine Chromosom – sowie die Tatsache, dass er Schweizer ist und ich Deutsche bin.

Wie es der Zufall will, haben wir uns für dieselbe Wohnung beworben. Auf meine schriftliche Anfrage gab es keine Reaktion, er bekam innerhalb eines Tages einen Rückruf, dass er sich die Wohnung anschauen könne. Dutzende Besichtigungstermine hat er schon gehabt, ich im selben Zeitraum keinen einzigen.

Ich musste also aktiver werden, verzichtete auf schriftliche Anfragen und rief die Anbieter an. Ich bekundete mein Interesse, fragte freundlich nach Besichtigungsterminen und buchstabierte meinen echten Namen. Man versprach mir, mich zurückrufen. Vermutlich war der Rückruf im erdgeschichtlichen Zeitrahmen gemeint, bis heute habe ich nichts gehört. Einen Wohnungsanbieter rief ich gleich noch einmal an, diesmal nuschelte ich meinen neuen Namen, ich sagte, Acker, Heidi Acker. Gleich am nächsten Tag durfte ich vorbeikommen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Mein Freund hat längst seine Wohnung mit Balkon. Ich überlegte kurz, ob ich mit ihm eine Scheinehe eingehe, damit sich mein Handicap durch einen neuen Namen auf dem ohnehin schon angespannten Wohnungsmarkt wie ein Schweizer Kräuterbonbon auflöst. Der Ausländer vom Zürichsee arbeitet genau wie ich in der Medienbranche, am Gehaltsunterschied liegt es also nicht.

Zugegeben, wäre ich Vermieter, würde ich auch nicht jeden in meine Wohnung lassen. Aber warum sollte ich von vornherein bestimmte Gruppen, ohne sie überhaupt in Augenschein genommen zu haben, aufgrund des Namens ausschließen? Zieht man sich doch in der Regel mit Gehaltsnachweis, Schufa-Auskunft und manchmal sogar mit polizeilichem Führungszeugnis schon bis auf die Knochen aus.

Ein befreundeter Anwalt riet mir, derartige Vorfälle zu dokumentieren und die Anbieter allesamt nach dem Antidiskriminierungsgesetz zu verklagen. Vom Schadensersatz könnte ich mir dann eine schicke Eigentumswohnung kaufen. Interessantes Finanzierungsmodell, dachte ich zuerst, aber muss man wirklich ein Recht auf eine Mietwohnung in dieser Weise durchsetzen? Oder wie mein Vater sagen würde: „Ev alma, komsu al“ – Kaufe kein Haus, suche gute Nachbarn.

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