Kolumne "Meine Heimat" : Freundschaft mit der Unverbindlichkeit

Unsere Kolumnistin Hatice Akyün hat gelernt, bestimmten Interessenkollisionen aus dem Weg zu gehen. Denn was man nicht an sich heran lässt, muss man nicht mühsam verarbeiten. Loslassen heißt ihre neue Lebensformel.

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Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Immer diese Abschiede. Auseinandergehen, loslassen, sich trennen, vom "Tschüss" sagen bis zum unrühmlichen Abgang. Dabei meine ich nicht den Abschied nach einem Abendessen, wo der Heimweg schon der Beginn eines neuen Wiedersehens wird. Oder das Gespräch mit einem Kollegen über ein neues Projekt, das in der Abschlussformulierung festlegt, wie es weitergeht. Ich meine den finalen Deckel.

Rückblickend betrachtet bin ich zum Beispiel sehr froh darüber, dass ich von Männern verlassen wurde. Wenn sich meine erste große Liebe vor zwanzig Jahren nicht aus dem Staub gemacht hätte, wäre ich heute seine Ehefrau im Duisburger Süden. Wenn mich meine zweite große Liebe vor zwölf Jahren nicht verlassen hätte, wäre ich heute seine Ehefrau im Duisburger Norden. Die berühmte Geschichte des Mannes, der nur mal kurz Zigaretten holen geht und nie wiederkehrt, sie stammt nicht umsonst aus dem Ruhrgebiet. Aber keine Sorge, mehr große Lieben hatte ich nicht. Von allen anderen habe ich mich verabschiedet.

Nun bin ich Single-Frau, alleinerziehende Mutter und voll berufstätig in einer Charlottenburger Mietwohnung. Aber das ist kein Grund für Mitleid. Ich bin selber schuld, war ja auf der Suche nach mehr. Mehr Leben, mehr Möglichkeiten, mehr Herausforderungen, hungrig nach Besserem und immer nach dem Lebensmotto, dass das Gras auf der anderen Seite grüner sein muss. Ob ich es noch bin, ich meine hungrig, mag so sein. Weil aber die Abschiede, die ich in den letzten Jahren hinter mich bringen musste, in der Summe schon heftig waren, schleichen sich heute Zweifel ein.

So musste ich mich von der Verlässlichkeit verabschieden. Keinen größeren Auftrag erhält man mehr nur mit Handschlag. Heute muss man sich alles wasserdicht verbriefen lassen und klitzeklein festschreiben. Ich musste mich von der Vertraulichkeit verabschieden. Nichts, so habe ich gelernt, was man offen hinter verschlossenen Türen ausspricht, bleibt auch dort. Ich musste mich von der Stetigkeit verabschieden, weil kaum noch etwas Bestand hat. Und ich musste mich von der Loyalität verabschieden, weil Abmachungen nichts mehr gelten und der berühmte Satz von Konrad Adenauer "was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" einen modernen Anstrich bekommen hat. Dafür habe ich nun eine innige Freundschaft mit der Unverbindlichkeit geschlossen.

So traurig, wie das alles klingt, ist es aber zum Glück nicht. Ich habe auch gelernt, bestimmten Interessenkollisionen aus dem Weg zu gehen. Was man nicht an sich heran lässt, muss man nicht mühsam verarbeiten. Loslassen heißt meine neue Lebensformel. Denn wer mit beiden Händen klammert, hat keine Hand frei, um etwas Neues zu beginnen. Daran wird wohl auch unser jüngstes Ex-Staatsoberhaupt aller Zeiten denken, das nun den inszenierten Abschied nehmen musste, weil er den Moment des guten Abgangs verpasst hat.

Oder wie mein Vater sagen würde: "Hata yapmaktan korkan, hicbir sey yapamaz" - wer Angst hat, Fehler zu machen, wird gar nichts machen.

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin.

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