Kolumne "Meine Heimat" : In der Fremde so klar

Auch in neuer Umgebung ist mir aufgefallen, dass fast jedes Kind ein iPad besitzt. Dabei wollte ich diesen medialen Overkill einfach mal hinter mir lassen. Anstatt vor der Glotze zu sitzen und uns durch die Langeweile zu daddeln, sollten wir den Dingen, die diese Welt so schlecht machen, auf den Grund gehen.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Hatice Akyün,Euro-Krise,Syrien,Olympia,Beschneidung,BER,iPad,SmartphoneDa habe ich letzte Woche mit kryptischen Andeutungen ein wenig Verwirrung gestiftet. Ich bin tatsächlich weg, sogar länger und weiter. Aber die Welt ist ein vernetztes Dorf geworden, in dem man von nahezu jedem Winkel aus kommunizieren kann. Ob man auch immer was zu sagen hat, ist eine andere Frage. Aber ich werde es weiter versuchen.

Mir erging es in den vergangenen Wochen wie in dem Sprichwort „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“. Euro-Krise, Syrienkonflikt, zwischenmenschliche Untiefen einer Olympionikin, Beschneidungsurteil und all die Pleiten, Pech und Pannen um den Berliner Flughafen: Diesen medialen Overkill wollte ich einfach mal hinter mir lassen. Hier, wo ich jetzt bin, ist es zwar nicht anders, aber ich stehe außen vor.

In meiner neuen Umgebung ist mir aufgefallen, dass fast jedes Kind ein iPad besitzt. Sie kennen vielleicht diese Minicomputer, die aussehen wie Frühstücksbrettchen. Und da es überall drahtlosen Internetzugang gibt, mailen, gamen und surfen hier schon die Knirpse. Es hat mich beeindruckt, wie spielerisch das Multimedia-Zeitalter gelebt wird.

Aber dann dachte ich darüber nach, ob man den Kleinen wirklich einen Gefallen damit tut. Bildung ist nicht nur das Ansammeln von Informationen, es gehört auch Wissen, Kultur und Bewusstsein dazu. Damit sich Persönlichkeiten entwickeln können, braucht es Orientierung, nach der man sich richten kann. In jedem Fall bedarf es einer lebendigen Beschäftigung mit Menschen.

Nun bin ich ebenfalls ohne Internet aufgeschmissen. E-Mail ist mein ständiger Begleiter, mein Smartphone navigiert und informiert mich. Meine Bildung stammt aus dem analogen Zeitalter, als das Telefon noch fast ein Kilo wog, eine Wählscheibe hatte und die Schnur aus der Wand im Flur kam. Wir holten uns unsere Bücher aus der Stadtbücherei und lernten, was man uns vorgab. Damit sich Neugier und Kreativität entfalten können, braucht es mehr als eine digitale Kiste, in die man Suchbegriffe eingibt.

Doch was rede ich, auch ich tue mich schwer damit, den Dingen auf den Grund zu gehen. In zehn Jahren wird mich meine Tochter fragen, wie oft ich im NSU-Untersuchungsausschuss war, wie laut ich meine Stimme gegen das Auseinanderklaffen unserer Gesellschaft erhoben habe, was mein Beitrag gegen die Klimakatastrophe war und was ich überhaupt getan habe, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Wir haben uns verzettelt in Kleinigkeiten, verlaufen uns in Nichtigkeiten und sind abgelenkt vom Wesentlichen. An anderen Orten sterben Menschen für ihre Freiheit, und wir sitzen vor der Glotze oder daddeln uns durch die Langeweile.

Komisch, da muss ich erst Tausende Kilometer ins Ausland fliegen, um im Bus, auf der Straße und im Café mit allen möglichen Leuten ins Gespräch zu kommen. Und wissen Sie was? Es macht mir großen Spaß, mich auf ihre Geschichten einzulassen.

Manchmal muss man loslassen, um etwas Neues zu bekommen. Oder wie mein Vater sagen würde: „Hayvanlar koklasa koklasa, insanlar konusa konusa anlasir“ – Tiere verständigen sich über das Riechen, Menschen über Worte.

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