Kolumne "Meine Heimat" : Nie zu früh die Beine baumeln lassen

Der Mensch mag Gewissheiten. Er schätzt es gar nicht, wenn die zweite nicht zur ersten Halbzeit des Spiels passt. Dasselbe gilt auch für die Politik - doch die ist in etwa so verlässlich wie die deutsche Nationalmannschaft.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist, heißt es in einem Song des Sängers Lenny Kravitz: It ain’t over, ’til it’s over. Unsere Fußball-Jungs können davon ein Lied singen. In der Politik ist das nicht anders. Vor der Wahl gibt man sich überheblich siegessicher, aber nach der Wahl kullern Krokodilstränen und man müht sich mit abenteuerlichen Erklärungen ab.

Der Mensch braucht Gewissheit und Verlässlichkeit, sonst stolpert er orientierungslos durch den Alltag. Und da man nicht alles selbst machen kann, gibt man Verantwortung ab. Das nennt man unter anderem auch Staat. Der stellt nämlich sicher, dass ich im Fall von Krankheit oder im Alter nicht völlig schutzlos ausgeliefert bin. Ab wann mich dieses Netz auffängt, darüber entscheiden diejenigen, die wir stellvertretend für uns wählen – im Bezirk, in der Stadt, im Bund und in Europa. Damit das auch funktioniert, leisten wir Mitgliedsbeiträge an das Staatsgebilde. Das sind Steuern und Sozialabgaben. Da ich aber nicht jeden Tag nachschauen kann, was man gerade für mich tut oder auch unterlässt, gibt es die Medien, die uns informieren sollen. Eigentlich ein prima System, wenn es denn klappen würde. Aber fast der Hälfte der wahlberechtigten Mitglieder ist es egal, wer dem Verein, der über uns bestimmt, vorsitzt. Sie gehen einfach nicht mehr zur Abstimmung. Und die, die gehen, entscheiden in großer Zahl nicht für etwas, sondern um etwas anderes zu verhindern – meist mit der Faust in der Tasche.

Fangen wir mal mit den Genossen an: Sie haben mit der Agenda 2010 Deutschland wettbewerbsfähig gemacht – allerdings nur aus Sicht derjenigen, die damals gar nicht SPD gewählt hatten oder in Zukunft wählen würden. Das hat ihre eigenen Wähler vergrault und die Partei dauerhaft unter 30 Prozent gedrückt. Eingeklemmt zwischen Staatsräson und schlechtem Gewissen taugen sie nur als Juniorpartner einer großen Koalition.

Die rückwärts gekehrte Energiewende der Union löst bei mir auch nur Kopfschütteln aus: Konnte es vor zwei Jahren mit der Laufzeitverlängerung und der Lizenz zum Gelddrucken für die Energiemultis nicht schnell genug gehen, doktert die CDU seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima plötzlich am Gegenteil herum – der Energiewende.

Diese Beispiele könnte man unendlich fortführen. Die Inkonsistenz von Reden und Handeln unserer Politiker erzeugt eine Hilflosigkeit, die sich schleichend auch auf mich überträgt, wo ich doch zuerst vor meiner eigenen Haustüre kehren sollte, bevor ich mit dem Finger auf andere zeige. Aber mein ureigener Bericht zur Lage der Nation erklärt das Blei in den Beinen unserer Hochleistungskicker leider nicht. Nur so viel vielleicht: Wer nicht alle Möglichkeiten der Mitwirkung nutzt, bekommt ein Ergebnis, mit dem er nicht gerechnet hat. Oder wie mein Vater sagen würde: „Ata binmeden ayklarini sallama – lass nicht die Beine baumeln, ehe du auf dem Pferd sitzt.“

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