Kolumne "Meine Heimat" : Rosenmontag im Himmel

Früher war alles besser - oder es war nur ein Traum: Hatice Akyün stellt sich in ihrer Kolumne vor, wie Politiker aus der Geschichte Rosenmontag im Himmel feiern.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Früher war alles besser. Mit diesen Worten ließ mich die alte Dame aus der Nachbarschaft stehen und zog Richtung Friedhof, um die letzte Ruhestätte ihres Mannes zu pflegen. Zu Hause legte ich mich fröstelnd vor den Fernseher und zappte durch die Kanäle. Mein Wohnzimmer wurde mit rheinischem Frohsinn verstrahlt. Als ich endlich zu den Tagesnachrichten gelangte, machte sich Ratlosigkeit breit. Es ging um Anzüglichkeiten, Abschreibungen sowie plumpe Politwerbung und deren dunkle Finanzkanäle. Zum Glück dämmerte ich kurz vor der Asiengrippe des Jörg-Uwe Hahn weg.

Ich träumte vom Rosenmontagsball im Himmel. Und das in Schwarz-Weiß. Sahra Wagenknecht, nein, es war das Original – Rosa Luxemburg lief mit Karl Liebknecht umher und hinter mir wurde getuschelt: „Lass’ die mal, die zehren noch vom Märtyrerstatus.“ Als ich mich umdrehte, stand dort Kurt Schumacher: „Komm Kurti, der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist“, sagte Theodor Heuss und hakte sich unter den einzigen Arm des SPD-Nachkriegschefs. Friedrich Ebert und Gustav Stresemann saßen am ersten Tisch. „Wir haben noch für die Ideale der Demokratie mit dem Leben bezahlt“, sagte Stresemann und Ebert konterte: „Mit dem Wenigen, was wir hatten, wollten wir viel für alle. Und heute? Da wollen sie viel für die Wenigen, die schon alles haben.“

Die Narren sind los
Zwei verkleidete Narren feiern am beim Karneval auf der Königsallee in DüsseldorfWeitere Bilder anzeigen
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10.02.2013 23:08Zwei verkleidete Narren feiern am beim Karneval auf der Königsallee in Düsseldorf

Gleich dahinter saß Willy Brandt zwischen Josephine Baker und Marlene Dietrich. Marlene hauchte: „Der Geburtsschein ist ein Gerücht, das eine Frau durch ihr Aussehen jederzeit dementieren kann.“ Josephine Baker sagte: „Ich war nicht wirklich nackt. Ich hatte nur keine Kleider an.“ Die Dietrich hob ihre Augenbraue: „Die Männer beteuern immer, sie lieben die innere Schönheit der Frau. Komischerweise gucken sie aber ganz woanders hin.“ Willy nickte heftig und seufzte: „Jugend ist kein Verdienst, Alter ist kein Verdienst. Jugend ist ein Kredit, der jeden Tag kleiner wird.“

„Die Depressionen hat der Willy in die Ewigkeit mitgenommen“, sagte Herbert Wehner. „Die müssen auch wieder hochkommen, wenn der sieht, wen die Sozen da unten nominiert haben. Irren ist menschlich, aber immer irren ist sozialdemokratisch“, zeterte Franz Josef Strauß und reichte ihm einen Schnaps.

Plötzlich schrie Annemarie Renger auf, als ihr Wolfgang Mischnick die Hand aufs Knie legte. Johannes Rau ermahnte streng: „Ich habe große Sorge, dass eine Generation heranwächst, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennt.“ Zwei Herren kamen dazu: „Es ist schon bemerkenswert, wie man dem Zeitgeist so völlig ohne Geist nachlaufen kann“, sagte der eine. „Es ist Zeit für eine Revolution“, sprach der andere. Es waren Adenauer und de Gaulle.

Rainer Barzel riss das Wort an sich: „Freunde, heute Nacht schleichen wir in die Albträume unserer Nachfolger.“ Alle jubelten. „Fangen wir sofort an. Wenn der Kettenraucher hier einzieht, wird es diesen Spaß nicht mehr geben“, meinte Wehner. Schweißgebadet wachte ich auf. Kann es doch sein, dass die Vergangenheit zu uns Nachgeborenen spricht? Oder wie mein Vater sagen würde: „Dünya iki kapili handir“ – die Welt ist eine Herberge mit zwei Türen.

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