Kolumne "Meine Heimat" : So finden wir Unterschiede anziehend!

Wie entwickelt sich eine Gesellschaft, fragte ich mich, die aus dem kulturellen Reichtum der Zugewanderten nichts anzunehmen vermag? Plötzlich kam mir die Lösung aller Integrationsprobleme!

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Ich war auf einer Theaterpremiere. Und das tat mir richtig gut, weil ich mich hemmungslos türkisch gefühlt habe. Das Stück lief im Ballhaus in Kreuzberg. Es fanden auch viele Deutsche und andere hier Hängengebliebene den Weg dorthin. Kurzum, Berlinerinnen und Berliner feierten ein Stück aus und über ihre Stadt. In „Liga der Verdammten“ geht es auf den ersten Blick um den Fußballverein „Türkiyemspor“. Die mischen seit Jahrzehnten im Fußball mit – erst mit steilem Aufstieg, dann mit jähem Absturz. Aber diesmal ging es nicht um Fußball, sondern viel mehr um die Umstände, die Konstellationen, die Leidenschaft, das Anrennen gegen Wände, den Mut der Verzweiflung und die Raffgier der Oberen.

Aus Bayern kenne ich Bauerntheater. Mit großer Emphase spielen dort Halbprofis Stücke, die sich aus dem direkten Lebenszusammenhang speisen. Das ist meistens lustig, aber man versteht nicht immer alles, was mit der eigenwilligen Lautmalerei zu tun hat. Ich sage das, weil im Ballhaus so etwas Ähnliches passiert ist. Dialoge, Monologe, Begriffe, Mimik, Gesten wurden nicht von allen verstanden, weil es zum Beispiel bestimmte verstärkende Wörter oder mildernde Handbewegungen gibt, die das Gesagte zusätzlich modulieren.

Hatice Akyün liest aus ihren Kolumnen
Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün zu Gast im Tagesspiegel-Salon.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Kai-Uwe Heinrich
01.02.2013 13:58Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün zu Gast im Tagesspiegel-Salon.

Man versteht das nur, wenn man sich emotional auch im Türkischen sicher bewegt. Die Sprache des Stücks ist deutsch, aber sie ist eben nur Kommunikationsträger. Der zweite Kanal ist auf Türkisch, nur das wird für die anderen Zuschauer nicht gedolmetscht. Ich brauchte an diesem Abend die Übersetzung zum Glück nicht, so dass das eine Drittel Türkische in mir voll auf seine Kosten kam.

Mich trieb das zu einer anderen Frage: Wie entwickelt sich eine Gesellschaft, die aus dem kulturellen Reichtum der Zugewanderten nichts anzunehmen vermag? Gut, der Döner hat der Currywurst den Rang abgelaufen, aber das meine ich nicht. Warum nähern wir uns nicht im Positiven an? Während ich darüber sinnierte, fiel mir auf, dass die Tochter des türkischstämmigen Regisseurs strahlend blaue Augen hat. Auch meine Tochter sieht nicht so aus, dass man sie eindeutig in das Land meiner Eltern verorten könnte.

Was tut sich da, assimilieren wir uns? Nein, erklärte mir ein Freund, der nie um eine Antwort verlegen ist. Das habe lediglich etwas mit dem Oströmischen Reich und der Herrschaft der Osmanen über weite Teile Europas zu tun. Irgendein Ahne hat wohl Gefallen gefunden am Anderssein und das kommt es bei unseren Kindern nun zum Vorschein. Plötzlich kam mir die Lösung aller Integrationsprobleme: die Liebe! Sie sorgt dafür, dass wir Unterschiede anziehend finden.

Die Gelegenheit, seinen Horizont zu erweitern, ist in Berlin nur ein paar U-Bahnstationen entfernt, dachte ich beruhigt. Meine Befürchtung, den Teil in mir zu verlieren, der mich auch ausmacht, ist für andere die Herausforderung, neue Erfahrungen zu machen.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Ayni dili konusanlar degil, ayni duygulari paylasanlar anlasabilir.“ Nicht, wer die gleiche Sprache spricht, wer die gleichen Gefühle teilt, versteht sich.

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