Kolumne "Meine Heimat" : Sprachbrei und Herzsprache

Bei einem Abendessen kommen Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen. Welche Sprache sprechen sie und wie kommunizieren sie sonst? Unsere Kolumnistin schreibt über entzückende Gesten und wie man schwarzen Humor zu anatolischen Locken serviert.

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Hatice Akyün. Foto: Andre Rival
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Ich war zu einem Abendessen eingeladen. Das kommt jetzt häufiger vor, seit ich in einem Alter bin, in dem sich Geselligkeit mehr in der Privatsphäre als in der Öffentlichkeit abspielt. Fasziniert hat mich, dass ich an diesem Abend mit einer Vielzahl von Sprachen konfrontiert wurde, die ich mehr oder weniger beherrsche. Ebenfalls zu Gast waren eine türkischstämmige Britin, Engländer, ein Zyprer, Türken, Deutsch-Türken und Deutsche, deren Einwanderungsbiografie ich auf den ersten Blick nicht erkennen konnte.

Wir haben uns ganz selbstverständlich auf Englisch als Konversationssprache geeinigt. Das war einerseits sehr von Vorteil, denn es war die Sprache, die wir alle sprachen, aber auch sehr schade, weil meine persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten sehr eingeschränkt waren, da ich nicht auf mein verbales deutsches Handwerkszeug in der Beschreibung der politischen Zustände hier im Lande zurückgreifen konnte. Aber auch wenn man Sprachen perfekt beherrscht, heißt das nicht unbedingt, dass man etwas zu sagen hätte. Oder umgekehrt. Ein Gast zum Beispiel hatte auf Grund seines südländischen Temperaments eine entzückende Körpersprache, die mich unweigerlich an diesen französischen Stummfilm erinnerte, der gerade bei den Oscars abräumte. Man verstand ihn, also den Südländer, mit dem Bauch. Einige Themen konnte ich auf Türkisch kommentieren, mit der spannenden Erfahrung, dass schwarzer britischer Humor unter anatolischen Locken sehr gewinnend sein kann. Als ich nach einem aufregenden Abend mit rauchendem Kopf wieder zu Hause war, fiel mir dieses Buch von Paul Watzlawick ein, in dem er sagte: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Sprache ist ein Werkzeug der Kommunikation und nicht das Einzige, was man benötigt, um sich zu verstehen. Akzeptanz ist notwendig, um Unterschiede anzunehmen, Ängste zu überwinden und in der Vielfalt einen Gewinn zu sehen. Halten wir kurz inne und besinnen uns auf unsere Herzsprache. Denn der oberflächliche Sprachbrei, der uns tagtäglich um die Ohren fliegt, wird immer mehr zu einer akustischen Umweltverschmutzung. Da ist die Inszenierung der Frage wichtiger als die Antwort. Und die wiederum ist oftmals nur Träger irgendwelcher Botschaften, die eher zufällig sind und keinen Bezug zur Frage haben. Man redet mit voller Absicht aneinander vorbei, verwirrt mehr, als Orientierung zu stiften, und versucht, durch permanentes Wiederholen seiner Meinung dieser Nachdruck zu verleihen. Statt klarer Argumente werden Absichten verschleiert und Emotionen bedient. Der Ermüdungseffekt beim Zuhören ist garantiert, der Erkenntnisgewinn gleich null. Um verstanden zu werden, muss man zunächst etwas zu sagen haben. Und um etwas verstehen zu können, muss man in der Lage sein, zuzuhören. Ohne Neugier auf sein Gegenüber bleibt jeder in der eigenen Wahrnehmung stecken.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Bir lisan, bir insan, iki lisan, iki insan – wer eine Sprache spricht, ist ein Mensch, wer zwei Sprachen spricht, versteht die Menschen.“

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin.

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