Kolumne "Meine Heimat" : U-Bahn fahren als Wahlorakel

Die U-Bahn bietet ungeheure Möglichkeiten, gesellschaftliche Zustände zu analysieren, meint Hatice Akyün. Die Mischung der Fahrgäste, nach Uhrzeit und Strecke, lässt tief in die Seele des Berliners blicken.

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Wer wird's werden? Eine Fahrt mit der U-Bahn lässt ein paar Sachen ahnen.
Wer wird's werden? Eine Fahrt mit der U-Bahn lässt ein paar Sachen ahnen.Foto: Reuters

Auf dem Weg zurück aus Kreuzberg saß ein Paar um die sechzig gegenüber. Während der Fahrt versuchte immer einer den anderen anzusprechen, blickte ihn von der Seite an, holte Luft und brach aber ab, ohne etwas gesagt zu haben. Das Gegenüber verhielt sich genauso. In mir stieg die Spannung, was das Unausgesprochene zwischen den beiden sein könnte. Sie stiegen wortlos aus.

Zu Hause angekommen, warf ich meinen Schlüssel so ungeschickt auf den Schreibtisch, dass er einen Stapel Briefe zu Boden warf. Oben lag meine Wahlbenachrichtigung. Ich nahm sie mit ins Bett und schlief ein. Im Traum fand ich mich in der U-Bahn wieder. Mir gegenüber saß das Paar. Ich erkannte die Gesichter nicht, aber die Handhaltung der Frau war eine Raute. Der Mann neben ihr fuchtelte wild mit den Armen, er war es „peersönlich“. Sie hatten sich auch jetzt nichts zu sagen. Rechts von mir stand eine Gruppe, die aussah, als käme sie gerade von einer Sparkassenvertretertagung. Sie rechneten aus, wie viele Menschen nicht wählen gehen dürften, damit mindestens fünf Prozent an sie fielen.

Deutschlands Zukunft in guten Händen?
Unser Leser Klaus S. nimmt Merkels Raute gleich wörtlich. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie uns Ihre Bildmontagen zu dem riesigen CDU-Wahlplakat am Berliner Hauptbahnhof - an leserbilder@tagesspiegel.deWeitere Bilder anzeigen
1 von 35Foto: Klaus S.
19.09.2013 11:19Unser Leser Klaus S. nimmt Merkels Raute gleich wörtlich. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie uns Ihre Bildmontagen zu dem...

Aus dem Lautsprecher ertönte „Zurückbleiben bitte“, und ich sah vor der sich schließenden U-Bahn-Tür eine Gruppe von Obdachlosenzeitungs-Verkäufern, für die das schweigende Paar nichts im Programm hatte. Hinter mir stand eine Truppe mit roten T-Shirts, auf denen ein Stinkefinger mit dem Schriftzug „Peershido for Kanzler“ aufgedruckt war. Sie hatten aber alle Kopfhörer auf und bekamen nicht mit, dass die Fahrgäste mit Niedriglöhnen, die Alleinerziehenden und die Armutsrentner ihnen nicht mehr glaubten, dass sie es mit der sozialen Gerechtigkeit wirklich ernst meinten.

Die schönsten Stinkefinger
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Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. Im Tagesspiegel schreibt sie einmal pro Woche über ihre Heimat.
Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. Im Tagesspiegel schreibt sie einmal pro...Foto: Promo

Plötzlich ertönte aus dem Lautsprecher „Zurücktreten bitte“ und alle verließen den Wagen, nur ich blieb allein zurück. Schweißgebadet wachte ich auf und hatte noch die Wahlbenachrichtigung in der Hand. Oder wie mein Vater sagen würde: „Köprüyü gecene kadar ayiya dayi derler.“ Bis man über der Brücke ist, muss man zum Bären Onkel sagen.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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