Kolumne "Meine Heimat" : Von Herkunft und Hinkunft

Die gläsernen Decken, die die Karriere erschweren, gibt es nicht nur für Frauen. Es ist immer noch entscheidend, wo man herkommt, damit man wo hinkommt.

von
Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Ob man Sieger wirklich bereits am Start erkennt? Ich denke darüber nach, weil in den letzten Tagen einige Leute unerwartet die Karriereleiter hochgespült wurden. „Mut zur Lücke“, sagte mir ein alteingesessener Chefredakteur, als ich zugab, von einem Thema keine Ahnung zu haben. Man kann sich in so einiges einarbeiten, wenn es notwendig ist, aber gleich die Führung übernehmen?

Vor vielen Jahren war ich einmal mit einem Kommunalpolitiker liiert. Damals war Politik für mich eine langweilige und vor allem zähe Sache. Ich verband sie mit stundenlangen Rats- und Fraktionssitzungen in verrauchten Räumen, bei denen am Ende doch nichts Gescheites herauskam. Mein Freund erklärte mir, dass es in der Politik um Mehrheiten in der Fraktion ginge. Das sah in der Praxis so aus, dass man vor einer Abstimmung wild herumtelefonierte, heimliche Treffen hatte und sich so die Mehrheiten beschaffte. Wohlgemerkt innerhalb der eigenen Partei.

Er war es auch, der mir sagte, dass man in einer Partei nur etwas werden könne, wenn man ganz unten, also als Plakatkleber, angefangen hätte. Man müsse schon früh Basisarbeit leisten, um irgendwann oben anzukommen, wo es Mandate und Jobs gäbe. Ich fragte ihn, was denn mit den Leuten sei, die noch nicht so lange dabei wären, aber trotzdem Visionen hätten, womöglich sogar Ideen, und die tatsächlich daran interessiert seien, etwas für das Volk, also uns, zu tun. Er lachte mich aus und sagte: „Mein Schatz, Sachkompetenz ist in der Politik ein Karrierehindernis.“

Die Basisarbeiter, die sich hocharbeiten, sind zunehmend die Ausnahme geworden. Immerhin haben die auch in wahlkampffreien Zeiten direkten Kontakt mit ihrer Umwelt, also noch eine klitzekleine Vorstellung vom realen Leben ihrer Wähler. Da diese Verzahnung ausfällt, braucht man heute Attribute, die einen qualifizieren, und eine Lobby, die man vertritt. Also Frau, einen Verband oder eine Organisation, in der man eine wichtige Position hat. Oder Mann, Doktortitel und erfolgreich in einer erfolgreichen Firma.

Mich wundert es, wenn ich heute sehe, was Politiker qualifiziert. Gut, als Minister hat man einen Beraterstab. Ein Barack Obama weiß auch nicht alles, deshalb holt er sich die besten Leute und lässt sich alles genau erklären. Gerhard Schröder war auch so einer. Er hat sich auch die besten Leute geholt, unter der Bedingung, dass sie ihm nie die Show stehlen dürfen. Auf Schröder bin ich gekommen, weil er ein Musterbeispiel dafür ist, von ganz unten nach ganz oben zu kommen. Ob er ein guter Kanzler war, ist eine andere Frage.

Die gläsernen Decken, die einen beim Fortkommen ausbremsen, gibt es nicht nur für Frauen. Es ist immer noch entscheidend, wo man herkommt, damit man wo hinkommt. Da kann man strampeln, so viel man will, der Schuster bleibt oft nur bei seinem Leisten. Man sollte also nicht immer nur nach oben schielen – auf demselben Stockwerk und im Parterre wimmelt es auch von guten Leuten mit Talenten und Fähigkeiten.

Leider hat „lebenslanges Lernen“ heute eine ganz neue Bedeutung. Oder wie mein Vater sagen würde: „Herkez kasik yapar ama sapini yapamaz“ – jeder kann einen Löffel herstellen, aber niemand den Stiel.

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