Kolumne : Merkel, Sarkozy und andere Paare

Die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident lassen uns an ihrem großen Duett teilhaben, indem sie uns rein gar nichts zu sagen haben. Es ist die öffentlich ausgetragene Lebenspartnerschaft zwischen zwei Staaten.

von
Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Mein Bruder, unser Jüngster, das Schlitzohr, hat mal wieder seinen Charme versprüht, als er bei eisiger Kälte, den Arm lässig aus seinem BMW hängend, eine neue Eroberung machte: „Ey, komm mir nisch zu nah, isch krisch sons Karies“, rief er einem Mädchen auf der Straße zu. Das arme Mädchen blieb irritiert stehen und fragte zurück: „Warum denn Karies?“ Und er antwortete grinsend: „Weil du so süß bist.“

Bei meinem Bruder frage ich mich, ob er sich täglich wund baggert, weil er die große Liebe sucht, oder ob es nur die Lust an der Jagd ist? Aber ich will diese Kolumne nun nicht als Familienaufstellung missbrauchen.

Das krasse Kontrastprogramm kam direkt aus meinem Freundeskreis. Ich traf einen Freund, der seit fast 25 Jahren mit derselben Frau zusammenlebt. Ich dachte immer, so muss eine Beziehung aussehen, damit sie glücklich ist. Er erklärte mir aber, ab fünfzig sei der Sex nicht mehr so wichtig, und jetzt, wo die Kinder aus dem Haus seien, könne man sich endlich den Hobbys widmen. Noch völlig perplex von der Aussicht, meinen Lebensabend mit Partner in unterschiedlichen Volkshochschulkursen verleben zu müssen, sah ich am Abend das nächste Bruder- und Schwesternpaar: Merkel und Sarkozy. Die wirken so unzertrennlich wie das Smartphone meines Bruders, das seit Einführung der Flatrate an seinem Ohr klebt.

Merkel und Sarkozy lassen uns an ihrem großen Duett teilhaben, indem sie uns rein gar nichts zu sagen haben. Und sich selbst übrigens noch weniger. Es ist die öffentlich ausgetragene Lebenspartnerschaft zwischen zwei Staaten. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich würde hier Parteipolitik betreiben. Die Ménage-à-trois der SPD-Kanzlerkandidatenkandidaten Gabriel, Steinmeier und Steinbrück eint doch auch nur, dass sie die Nahles nicht ausstehen können. Und wenn sie auf dem Parteitag „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ anstimmen, haben sie bestimmt einen unquotierten Herrenabend im Sinn.

Vielleicht bin ich einfach nur zu anspruchsvoll, was Beziehungen angeht. Alfred Grosser, der deutsch-französische Publizist sagte einmal: „Die Franzosen möchten von den Deutschen respektiert werden, aber die Deutschen werden die Franzosen nie respektieren. Und die Deutschen wollen von den Franzosen geliebt werden, aber die Franzosen werden die Deutschen nie lieben.“ Das ist allemal ehrlicher, als sich vor der Weltöffentlichkeit in Plattitüden zu ergießen. Der Mantel der Geschichte bleibt Helmut Kohls Strickjacke. Die Antwort auf die Weltwirtschaftskrise sind ein grauer Blazer und ein Anzug in Kindergröße.

Brüderlich teilen bedeutet heute, dass der mit mehr Macht sich das größere Stück sichert. Und allmählich verstehe ich, dass das Wort „Gemeinsam“ einsam beinhaltet. Das sind die Brüder und Schwestern dieser Welt wohl auch. Oder wie mein Vater sagen würde: „Kardeslik sözlerde biten bir cümle degil, kalpte atan bir sevgi olmalidir“ – Geschwisterliebe sollte nicht in einem Satz enden, sondern im Herz schlagen.

Die Autorin ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie lebt in Berlin.

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