Kolumne: Mon Berlin : Der Unterschied zwischen Coulis und Klecks

Die deutsche Sprache ist sinnlich, konkret, handfest und witzig. Nirgendwo zeigt sich das so gut wie beim Speisekartenvergleich.

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Die französische Küche birgt unergründliche Geheimnisse. Ich erinnere mich an einen nicht enden wollenden Abend in England. Meinem Tischnachbarn, einem spindeldürren Gentleman, sehr blass und schrecklich schüchtern, war der Unterschied zwischen mondänem Small Talk und einem Polizeiverhör nicht bekannt. „What’s the difference?“, fragte er mich, nachdem er die Speisenfolge studiert hatte, mit leicht seitlich geneigtem Kopf und in ihren Höhlen herumrollenden Augen, „between a ,pâté’ (sprich patèèèi) and a ,terrine’“? Zu seiner Erleichterung hatte er ein Gesprächsthema gefunden, eine Möglichkeit, die Unbekannte zu harpunieren, die die Gastgeberin an seine Seite gesetzt hatte und mit der er bis dahin nichts zu reden wusste. Mit einer höflichen Floskel versuchte ich meine Ahnungslosigkeit zu überspielen.

Aber darauf ließ er sich nicht ein. O nein! Er ließ nicht mehr los. Über eine Stunde analysierten wir die beiden Wörter, wir zapften ihre Essenz, wir wogen jede Nuance ab, dechiffrierten auch die abgelegensten Assoziationen … jedes noch so winzige Detail, das uns auf die richtige Spur hätte führen können. Das uns erlaubt hätte, zwei eindeutige Definitionen auf das weiße Tischtuch zu schreiben. Und dabei in aller Ruhe weiterzuessen. Aber dieser Pedant quälte mich. Erschöpft stand ich vom Tisch auf. Bis heute kann ich Ihnen den Unterschied zwischen einer patèèèi und einer terrine nicht sagen, ein Trauma fürs ganze Leben. Und sobald ich ein Sandwich mit Pâté de foie esse, beginnt mein Puls zu rasen.

Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Als ich diese Woche den Speiseplan in der Schulkantine meines Sohnes las, wurde ich von einer leichten Herzattacke heimgesucht. Würde diese ehrwürdige Berliner Institution mich wie mein damaliger Tischnachbar der linguistischen Inquisition unterwerfen? Wie übersetzt man „Schokoladenpudding mit Soße“ ins Französische? Das zweisprachige Menü schlägt „pudding et coulis“ vor. Und so wird im Französischen aus einer Schulkantine ein Gourmetrestaurant. Denn ein „coulis“ ist viel delikater als eine Soße. Flüssiger, leichter, schaumiger, einfach edler … Na ja, dachte ich, die Übersetzer haben sich fein aus der Affäre gezogen. Chapeau!

Beruhigt setzte ich die Lektüre fort. Donnerstag: Kohlroulade = paupiette de choux. (Meine Kindheit wird wach, mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ah, les paupiettes …) Dienstag: Linseneintopf = potée de lentilles. (Die potée schmeckt nach Landküche im tiefsten Frankreich. Am Herbstanfang wärmt sie den Leib. Sie wird mit frisch gehackten Kräutern gewürzt, ein wenig Thymian, ein wenig Majoran, und schon riecht sie nach Sommer in der Provence.) Allmählich entspannte ich mich, ich bewunderte die Fähigkeit unser beider Sprachen, sich in der anderen zu spiegeln, sich gegenseitig zu ergänzen. Doch dann ließ der Nachtisch am Dienstag mich zusammenzucken. Nach „Gemüse Bolognese“ (International. Lecker. Kindergerecht) bot die Küche „Wackelpudding“ an. Mir blieb der Mund offen, ich zitterte wie der Pudding. Pudding à la Veitstanz? Pudding Parkinson? Die Übersetzer hatten sich erlaubt, das Hindernis einfach zu überspringen. Pudding stand auf der französischen Speisekarte.

Der folgende Dienstag ließ mir erneut den kalten Schweiß ausbrechen: Auf das „Kaisergemüse mit Béchamelsoße“ (welch wunderbare Vermählung zwischen einem deutschen Kaiser und der Königin der französischen Soßen!) folgte „Pudding mit Klecks“. Was für ein Klecks? Schokolade? Blaubeeren? Oder Ölfarbe? Und was ist der Unterschied zwischen einer Soße und einem Klecks? Die Antwort wissen allein die Berliner. Und vor allem … wie gibt man „Klecks“ im Französischen wieder? Ein Klecks ist das Gegenteil eines coulis. Klecks … Dieses spröde Wort enthüllt die wunderbare Sinnlichkeit der deutschen Sprache: konkret, handfest, witzig. Klecks lässt einen kleinen Film ablaufen, der die Action hinter der Essensausgabe genau beschreibt: Die Serviererin ergreift ihren enormen Schöpflöffel. Sie hebt den Arm und macht eine kurze, energische Bewegung. Sie führt einen kleinen Schlag aus. Man hört das schmatzende Geräusch, wenn der Klecks auf der glatten Oberfläche des Puddings zerplatzt. Man sieht die glücklichen Augen der Kinder in der Warteschlange. Übersetzung überflüssig. Manche Wörter versteht man, wenn man einfach nur die Ohren spitzt.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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