Kolumne Mon Berlin : Wer darf in Frankreichs Bett schlüpfen?

Für die französischen Staatspräsidenten ist Frankreich eine Femme fatale, die sie verführen müssen. Die Deutschen würden sich darüber kaputtlachen.

Pascale Hugues
Sarkozy und Hollande: Bleibt die Frage, welcher der beiden morgen Abend in Frankreichs Bett schlüpfen darf.
Sarkozy und Hollande: Bleibt die Frage, welcher der beiden morgen Abend in Frankreichs Bett schlüpfen darf.Foto: Reuters

Danke für Ihre große Liebe zu Frankreich!“, rief Nicolas Sarkozy am Abend des ersten Wahlgangs seinen Helfern und Sympathisanten zu. Der Präsident stand sehr aufrecht da, majestätisch, die Arme ausgestreckt wie Christus, der die kleinen Kinder zu sich einlädt. Seither geht mir dieser Satz im Kopf herum. Danke für Ihre Unterstützung, für die Arbeit, die Sie an meiner Seite geleistet haben: Worte von einer betrüblichen Nüchternheit, das wohl, aber Worte, die die Realität meiner Ansicht nach besser beschrieben hätten als diese libidinöse Suppe.

Am Vorabend des zweiten Wahlgangs frage ich mich immer noch, was genau das heißen soll: Frankreich lieben? Man kann Mousse au chocolat lieben, die Frau seiner Träume oder einfach das Leben, aber Frankreich? Eine ungeheure Zärtlichkeit überschwemmt mich, wenn ich an die sanften Landschaften der Drôme am Herbstanfang denke. Ich fühle wahre Verbundenheit, wenn ich die alten Schwarzweißfilme mit Gabin und Arletty sehe oder die Schlager der 80er vor mich hin singe. Ich schmelze vor Wonne für die Tarte Tatin, die Loire-Weine, das Licht der Provence und ganz besonders für Jean Dujardin („The Artist“)! Viele solche Madeleines erinnern mich an meine Kindheit und berühren sehr tiefe Wurzeln. Aber Liebe?

Bestimmt liegt das an den vielen Jahren im Ausland: Das Pathos der französischen Politiker überrascht mich immer wieder. Und ich kann kaum verstehen, warum die Franzosen bis heute daran kleben. Ist der intensive Umgang mit diesem Deutschland, wo jeder nationale Erguss sofort Verdacht weckt, schuld an meiner patriotischen Frigidität? Stellen Sie sich doch mal die Reaktion hierzulande vor, wenn Angela Merkel auf die seltsame Idee käme, ihren Landsleuten für ihre große Liebe zu Deutschland zu danken. Schlimmstenfalls würden die Deutschen sich Hals über Kopf in eine endlose, höchst intellektuelle und moralisierende Debatte stürzen. Bestenfalls würden sie sich kaputtlachen.

Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".Foto: Tsp

Soweit ich zurückdenken kann, hatten die Reden der französischen Staatspräsidenten immer etwas von einer Liebeserklärung. In ihren Augen verkörpert Frankreich die Femme fatale. Unwiderstehlich. Von Pétain bis zu de Gaulle, von Mitterrand bis zu Chirac, durch alle Zeiten und politischen Richtungen hindurch gehört die Liebe zu Frankreich ins rhetorische Arsenal des Präsidenten der Republik.

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