Kolumne Mon Berlin : www.kaminfeuer.de

Pascale Hugues graut es vor künstlichem Kaminfeuer und virtuellem Saint Emilion.

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Sich vor den Kamin setzen, die Beine zum Feuer hin ausgestreckt, die Wangen von der guten trockenen beruhigenden Wärme gerötet, ein Glas Rotwein in der Hand, die Gedanken schweifen lassen, ein letztes Mal mit bedachtsamen Schritten die Spuren des zu Ende gehenden Jahres verfolgen, sich einer genussvollen Melancholie hingeben … Bedauern, Fehlschläge, enttäuschte Hoffnungen … aber auch die Freuden, die Erfolge und die Glückssplitter. In einem tiefen Ledersessel versunken. Der Schatten der Flammen tanzt auf den Wänden. Draußen regt sich nichts. Man hört das knisternde Holz. Ein Scheit fällt in sich zusammen. Eine große Ruhe ergreift einen. Eine wohltuende Trance. Man führt das Glas an die Lippen. Man stellt es wieder auf die Knie. Das Leben zieht vorbei. Würde man draußen, hinter bereiften Scheiben, Schneeflocken erblicken – das Bild wäre vollkommen.

Das ist die erträumte und, zugegeben, auch ein wenig klischeehafte Art, unseren Silvesterabend zu verbringen. Das Kaminfeuer gehört zu den für das Dekor des 31. Dezember unumgänglichen Requisiten. Eine Vision, die allerdings in keiner Weise der grauen feuchten Realität am Ende des Jahres 2011 entspricht. Kein Schnee draußen. Kein Kamin drinnen. Stattdessen Schneeregen, Zentralheizung und Glotze in den Wohnzimmern.

Und doch haben die Berliner ihren Traum vom Feuer nicht aufgegeben. Deshalb findet man, wie Sie sicher festgestellt haben, einen Kamin in jeder Kneipe, in jeder Bar und sogar beim Friseur. Besser gesagt: einen virtuellen Ersatz. „Kannst du schnell den Kamin anzünden, Gabi, bitte!“, trug die Wirtin eines Cafés eines schönen Morgens ihrer Angestellten auf. Ich hatte mich vor einem Platzregen hierher geflüchtet. Oh, wie schön, jubelte ich innerlich. Ein Kamin! Ich erwartete, dass die junge Frau zur Axt greifen und auf dem Gehweg ein paar Baumstämme spalten würde, einige Zeitungsblätter – welche Befreiung! Auf den Seiten ging es um Christian Wulffs Schlamassel – zusammenrollen, ein Streichholz anzünden und den Stapel in Brand setzen würde.

Doch eine träge Gabi zog die Fernbedienung aus einer Schublade neben der Kasse. Sie zappte ein paar Sekunden, und klick, erschien eine perfekt geformte lebhafte Flamme auf dem Flachbildschirm über dem Tresen. Das Video war problemlos hochgeladen. Wäre Gabi ein wenig vorausschauender gewesen, hätte sie schon am Vorabend den PC programmieren können. Die Flammen und der Hintergrundsound (Soundeffekte wie Gewitter und Regen, eine tickende Uhr und dezente Musik) wären schon vor dem Erscheinen der ersten Gäste angesprungen.

„Wat kann ich für Sie tun?“, fragt Gabi unwirsch, als sie von Tisch zu Tisch schlurft. Das elektronische Knistern des brennenden Holzes dämpft die morgendlichen Gespräche. Fehlen nur noch Tannenzapfen und Kastanien, die auf der Glut gebraten werden können. Allerdings kann die Magie des Silvestertags sich gegen die morgendliche schlechte Laune kaum durchsetzen.

Wie ich so erstarrt an meinem Tisch sitze, fällt mir England Anfang der 80er ein. In dem reizenden viktorianischen Fireplace des Wohnzimmers erleuchteten drei haltbare elektrische Stäbe zwei Plastikscheite und verbreiteten eine Ahnung von Wärme und Gemütlichkeit im Zimmer. Eine primitive Installation, die mit 10- Pence-Stücken betrieben wurde. Und die kein bisschen heizte. In jenem Jahr bekam ich Chilblains: „Frostbeulen!“ rief unser französischer Arzt aus, dem ich meine wie Ingwerknollen angeschwollenen Zehen zeigte. „Die habe ich seit dem Krieg nicht mehr gesehen!“

Voll guten Willens stelle ich eine Liste der Vorteile auf, die eine künstliche Glut mit sich bringt: kein Geruch, kein Ruß, kein Rauch. Kein Zimmerbrand, keine Verbrennungen, keine Erstickungsgefahr, keine Schinderei mit dem Holz. Eine hygienische und ungefährliche Lösung. Und wie praktisch! Das Holzfeuer auf dem Bildschirm des Rechners kann man mühelos von einem Zimmer ins andere transportieren. Und doch, ich kann mich nicht daran gewöhnen. Mir fehlt der Geruch des verbrannten Holzes, der sich für Tage in Haaren und Kleidung festsetzt. Und vor allem die Note von Abenteuer und Lagerfeuer, die diese aseptische digitale Version uns raubt. Wie soll man vor einem Flachbildschirm zur Gitarre griffen und eine Ballade anstimmen? Wie soll man in seinem Inneren die Sehnsucht und die Vorfreude aufsteigen lassen, Gefühle, die zu den letzten Stunden des Jahres gehören? Wenn die Technik so voranschreitet, werde ich im nächsten Jahr mit einem virtuellen Saint Emilion auf das Wohl meiner treuen Berliner Leser anstoßen. Und das wäre wirklich zu absurd. Santé et Bonne année!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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