Kolumne: Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Das Prosawerk meines Bankberaters

21.09.2012 15:08 UhrVon Moritz Rinke
Moritz Rinke Foto: Mike Wolff
Moritz Rinke - Foto: Mike Wolff

Mein Bankberater ist Exbanker, er hat sich schon vor vielen Jahren selbstständig gemacht und auf Künstler spezialisiert, die in der Regel mehr von Kunst verstehen als von Finanzen. Quer durch die Republik sprach sich herum, dass es jetzt einen Berater gebe, der bei einer großen Bank gekündigt habe, um Künstler zu beraten und sogar deren Lesungen und Aufführungen besuche.

In der Beratung fragte er, an welchem Werk man gerade arbeite. „Prosa oder Lyrik?“ war eine seiner Lieblingsfragen, und die Theaterleute fragte er: „Was probieren Sie gerade?“ Er sagte nicht proben, sondern probieren, denn die Theaterleute pflegen probieren zu sagen. Also sprach man erst darüber, wie man Shakespeare oder Ibsen probiere, wobei der Berater interessiert die Augenbrauen bewegte, und dann war man bei der Basis- oder Rürup-Rente. Der Berater verkaufte den Künstlern auch Schiffs-, Wind- oder die vertrauenserweckenden Filmfonds, wegen der Steuerersparnis.

Nach der ersten Finanzkrise warb er für speziell ausgesuchte Aktien, und als wieder alles abstürzte, sprach man mit ihm über Gold, Baumplantagen, Kakao und Industriemetalle.

Wenn man ihn fragte, warum denn die Rendite bei den Schiffs-, Wind- und Filmfonds bei ungefähr minus 95 Prozent liege, sagte er, dass der Wind nicht mehr so gut wehe und die Schiffe wegen der allgemeinen Lage nicht mehr über die Meere führen, aber immerhin sei doch der Bundespräsident über den Vermögensverwalter des Fonds gestürzt, Herrn Groenewold. Bevor ich darüber nachdenken konnte, ob mein Berater ernsthaft damit meinte, dass der Sturz doch eine gute Rendite sei, und ob dieser Groenewold die Rechnungen für Familie Wulff auf Sylt jetzt vielleicht mit meinen Einzahlungen in den Filmfonds beglichen habe, klagte der Berater über die Rürup-Rente, die er einem vor noch nicht mal einem Jahr verkauft hatte. Er sprach jetzt von der Inflation von 1923, von den Gefahren durch die EZB, und dass man Schweizer Franken kaufen müsse, und wenn man sagte, dass man dafür kein Geld mehr habe, sagte er, dass das gar nicht schlimm sei, man könne es sich ja leihen, das Geld sei dank der EZB historisch billig, außerdem arbeite er eng mit einer Bank zusammen, die würde einem auch noch Geld für die „Substanzrente“ geben, Immobilien „mit Absicherung gegen Mietnomaden“.

Waren nicht einige Künstlerfreunde mittlerweile pleite und nicht mehr in der Lage, ihre Miete zu zahlen, also kurz davor, „Mietnomaden“ zu werden? Und jetzt also „Substanzrente mit Absicherung gegen Mietnomaden“?

Kürzlich war ich von der Evangelischen Kirche zu einer Diskussion eingeladen, ich wurde gefragt, was ich von Luther und 500 Jahren Reformation erwarte. Ich wusste nicht, was ich auf so eine komplexe Frage antworten sollte, stellte mir aber Luther mit meinem Finanzberater vor. Luther, der die klare Sprache liebte; der den Schwindel mit den Ablassbriefen aufdeckte; und dem verkauft jetzt mein Berater Groenewolds Filmfonds. Luther würde explodieren. Ich sagte, ich erwarte, dass wenn uns schon nicht Gott oder die Politik bewahre, dann doch wenigstens die Kirche mit einer zerschmetternden, lutherischen Moralkeule!

Danach erklärte mir eine Diskussionsteilnehmerin, Richterin am Bundesverfassungsgericht, dass das alles Unfug sei, Luther hätte so etwas nie getan. „Aber wer denn sonst?!?“, wollte ich noch fragen, aber da sprach man auf dem Podium schon über Religion und Toleranz. Seitdem weiß ich: Mit der Finanzkrise, mit unseren Finanzberatern und der seltsamen EZB sind wir ganz allein. Da hilft uns nicht mal das höchste Gericht. Der Rest ist Lyrik.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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