Kolumne "Was macht die Welt?" : Außenminister sollten nicht so viel reisen

Planlos wachsen, selber kochen, digital verhandeln: Vier Fragen zur Außenpolitik an Zeit-Herausgeber Josef Joffe.

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Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Joachim Gaucks Europarede – war das der große Wurf?

Es gibt keine großen Entwürfe in der Europapolitik. Europa gehorcht nicht einem „grand dessein“, wie es die Franzosen nennen, sondern den Gesetzen des Korallenriffs. Das wächst ziemlich planlos vor sich hin – hier sprießt ein neuer Ast, dort bricht einer ab. Aber das Ding expandiert seit sechzig Jahren. Überdies steht es nicht in der Macht eines Bundespräsidenten, den Architekten zu spielen. Er darf mahnen und anstoßen. Am Korallenriff zu werkeln, ist das Vorrecht der Regierung. Und die beschäftigt sich mit den Ästchen – siehe Merkel im vierten Jahr der EuroKrise. Häuser lassen sich abreißen und neu bauen. Korallenriffe vertragen keine brachialen Eingriffe. Aber große Reden sind immer gut in einem Land, das sich über Dirndl-Füllungen und Pferdegulasch echauffiert.

Cyberkrieg China gegen die USA, eskaliert da was?
Nicht doch. Cyberismus ist nicht Krieg, sondern Kriegsersatz, früher „Spionage“ genannt. Man möchte gern wissen, was der andere hat und vorhat. Bei den chinesischen Hackern kommt allerdings der reine Diebstahl dazu – von Blaupausen und Erfindungen. Noch übler: Sie haben sich an Systemen vergriffen, welche die US-Energieversorgung steuern. Das wäre der erste Schritt zur Zerstörung der Netze, ein aggressiver Akt analog zum echten Bombardement. Das ist kein defensives Verhalten und sollte die hiesigen Bewunderer des chinesischen Modells aufschrecken. Und kein Ausweis von Rechtsstaatlichkeit.

US-Außenminister John Kerry zum Antrittsbesuch in Europa – eine bedeutsame transatlantische Geste?
Hillary Clinton hat in ihrer Zeit hundert Länder besucht und dabei an die 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt. Bill ist seitdem schrecklich abgemagert, weil er zu Hause bleiben und selber kochen musste. WmdW kann gar nicht mehr zählen, wie oft Mrs. C. in Europa gewesen ist. Kerry, der Französisch spricht und Hermès-Schlipse trägt, ist, was man in Anglo-Land einen „Europhilen“ nennt. Der Trip ist eine nette Geste, aber Obamas erste Reise (in der zweiten Amtszeit) führt ihn nach Nahost, dergestalt unterstreichend, wo die wirkliche „action“ ist. Kerrys Aufwartung ist wie ein Besuch bei den Schwiegereltern: ein Zeichen des freundlichen Respekts, nicht des geschärften Interesses.

Ein Wort zum Außenminister ...
Der sieht in Kerrys Besuch ein „wichtiges Signal“; WmdW meint indes, dass auch Außenminister nicht so viel reisen sollten, weil es zeigt, dass sie zu Hause nicht gebraucht werden. Reisediplomatie war früher; heute wird digital verhandelt. Außerdem sind Reisen gefährlich; siehe das Attentat auf den österreichischen Thronfolger 1914 in Sarajewo, das den 1. Weltkrieg auslöste.

Josef Joffe ist Herausgeber der Zeit. Fragen: mal

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