Kolumne: Was Wissen schafft : Im Kampf gegen die Keime

Einzelne Infektionsfälle sind im Gesundheitswesen kaum zu vermeiden. Dennoch müssen Kliniken die Hygieneregeln überdenken - auch die Charité hätte womöglich Todesfälle verhindern können.

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Alexander S. Kekulé ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.
Alexander S. Kekulé ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.Foto: promo

Jetzt ist es also auch an der Charité passiert. Nach den berüchtigten Ausbrüchen in Hamburg-Altona, Mainz, Passau, Bremen und Leipzig sind gramnegative Keime auch in Deutschlands größter Uniklinik außer Kontrolle. Die Charité galt als Klassenprimus in Sachen Sauberkeit, ihr Hygieneinstitut ist zugleich das „Nationale Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen“ (NRZ): Dort werden Empfehlungen zur Vermeidung von Krankenhausinfektionen erarbeitet sowie Lob und Tadel für den Rest der Republik vergeben. Die Direktorin Petra Gastmeier ist eine der angesehensten Krankenhaushygienikerinnen Deutschlands – und Expertin ausgerechnet für gramnegative Darmbakterien, zu denen die in der Neugeborenen-Intensivstation ausgebrochene Art Serratia marcescens gehört.

Nach derzeitigem Stand ist ein Frühgeborenes gestorben, sieben weitere sind erkrankt und bekommen Antibiotika. Zusätzlich wurden 16 Neugeborene mit demselbem Keim besiedelt, ohne dass es zu einer Erkrankung kam. Die reflexartige Anklage einiger Fachkollegen, so ein Ausbruch sei nur durch „Schlamperei“ und Missachtung der Vorschriften erklärbar, ist trotzdem zu kurz gegriffen.

Die in der Charité ausgebrochenen Serratien gehören zu den normalen Darmbakterien, die bei jedem Erwachsenen vorhanden sind und die zusammen etwa ein Drittel der Stuhlmasse ausmachen. Im Krankenhaus sind Serratien als Problemkeime bekannt, weil sie in feuchter Umgebung tagelang überleben. Serratien kleben an Toiletten, Waschbecken und Handgriffen – sogar in Seifenspendern und zu stark verdünnten Desinfektionsmitteln wurden sie gefunden.

Patienten im Krankenhaus werden nahezu zwangsläufig mit den dort verbreiteten Darmkeimen besiedelt. Das fällt in der Regel nicht auf, weil die paar „Neuen“ in einer voll entwickelten, gesunden Darmflora keinen Schaden anrichten.

Bei Neugeborenen ist die Darmflora jedoch erst im Aufbau, deshalb saugt sie die Keime der Umgebung an wie ein trockener Schwamm. Bei Frühgeburten ist darüber hinaus die Immunabwehr noch nicht ausgereift, so dass aufgenommene Bakterien nicht nur zur harmlosen Besiedelung führen, sondern in den Blutkreislauf eindringen und lebensbedrohliche Infektionen hervorrufen können.

Darüber hinaus haben die Darmkeime, die man aufgrund ihrer Farbe unter dem Mikroskop (in der Gram-Färbung) als gramnegativ bezeichnet, noch eine weitere, unangenehme Besonderheit: Sie können schlagartig ihre Eigenschaften verändern, indem sie Gene mit anderen Darmbakterien austauschen. Dabei werden unter anderem Resistenzen gegen Antibiotika und krankmachende Eigenschaften übertragen. Im Krankenhaus, wo viele Antibiotika verabreicht werden und immungeschwächte Patienten den Keimen als Nährböden dienen, bilden sich deshalb neue Bakterienstämme, die besonders resistent, besonders aggressiv oder beides sind. Bei den Serratien gibt es beispielsweise Stämme, die schon in kleinster Dosis infektiös sind und bei Säuglingen Hirnabszesse verursachen. Diesem neuen Problem, gegen das es weltweit noch kein Patentrezept gibt, ist durch die üblichen Hygieneregeln nicht beizukommen, selbst wenn sie genau beachtet werden. Auch mit mehr Pflegepersonal wären die bisher untersuchten Keimausbrüche nicht vermeidbar gewesen.

Statt zahlreiche Inkubatoren in einen Raum zu stellen, müssten die Frühgeborenen in durch Schleusen abgetrennten Einzelzimmern untergebracht werden. Eltern und Besucher müssten sich, ähnlich wie im OP, umziehen und konsequent desinfizieren.

Auch damit wären einzelne Infektionen unvermeidbar – die empfindlichen Frühchen werden immer die Kanarienvögel der Kliniken bleiben. Vermeidbar ist jedoch, dass Keime länger unerkannt bleiben und dadurch Ausbrüche verursachen. Dafür müsste die „Stationsflora“ kontinuierlich überwacht werden, so dass beim ersten Auftreten eines ungewöhnlichen oder besonders aggressiven Bakterienstammes sofort reagiert werden kann. An der Charité wurde Serratia marcescens angeblich bereits Anfang Juli durch ein von der Mutter infiziertes Neugeborenes eingeschleppt – hätte man das damals erkannt, wären viele Infektionen und ein Todesfall verhindert worden.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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