Kolumne: Was Wissen schafft : Tsunamis im Mittelmeer

Auch im Mittelmeer gibt es Tsunamis. Der letzte verheerende traf 1956 die Ägäis, 56 Menschen starben. Ein Frühwarnsystem der Unesco soll mediterrane Küstenbewohner in Zukunft vor aufkommenden Wassermassen warnen. Aber funktioniert das wirklich?

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Noch ist das Meer ruhig. Doch einen Tsunami wie in Japan oder an der Küste Thailands könnte es auch im Mittelmeer geben. Deshalb will die Unesco ein Tsunami-Frühwarnsystem auch in Europa installieren.
Noch ist das Meer ruhig. Doch einen Tsunami wie in Japan oder an der Küste Thailands könnte es auch im Mittelmeer geben. Deshalb...Foto: dpa

Wenn an der Nordsee das Wasser vom Strand weicht, ist das ärgerlich, aber nicht weiter gefährlich. Wer dieses Schauspiel am Mittelmeer erlebt, der sollte schnell höher gelegene Gebiete aufsuchen. Denn es besteht die Gefahr, dass bald ein Tsunami an Land schlägt. Richtig gelesen: die Art von Wassergewalt, die Weihnachten 2004 einer Viertelmillion Menschen rund um den Indischen Ozean das Leben kostete und im März 2011 die japanische Ostküste – einschließlich des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi – demolierte.

Aus der Geschichte ist bekannt, dass es auch im Mittelmeer immer wieder Tsunamis gibt. Der letzte verheerende traf 1956 die Ägäis, 56 Menschen starben. Jederzeit können in der Region starke Erdbeben auftreten, die ihrerseits enorme Wassermassen in Gang setzen können.

Fachleuten ist das alles bekannt. Nach dem zerstörerischen Tsunami von 2004 haben sie beschlossen, dass auch am Mittelmeer ein Tsunami-Frühwarnsystem aufgebaut werden soll. Bei der Gelegenheit hat die Unesco, die hierbei federführend ist, auch noch die europäische Atlantikküste einbezogen, weil es auch dort in der Vergangenheit gewaltige Flutwellen gab. Darum heißt das Vorhaben „Tsunami Early Warning and Mitigation System in the North-eastern Atlantic, the Mediterranean and connected seas“ (NEAMTWS).

Die Bilanz ist ernüchternd. 2011 hätte das System fertig sein sollen, stattdessen arbeiten die Experten noch immer an mehreren Baustellen. Das beginnt mit einem effektiven Messnetz, mit dem gefährliche Wellen schnell erkannt werden, und reicht bis zur „letzten Meile“: der Frage, wie Tausende Menschen im Ernstfall schnell informiert und evakuiert werden. Im November gab es einen ersten europaweiten Test. Beobachtern zufolge waren die Ergebnisse überwiegend positiv, allerdings wurden nicht alle Glieder der Informationskette aktiviert, sondern nur die Schnittstellen der Behörden. Wie nahe die Übung der Realität kam, darüber lässt sich streiten.

Nach Meinung von Experten schafft NEAMTWS in vielerlei Hinsicht nicht das, was das Tsunami-Warnsystem im Indischen Ozean leistet, das unter maßgeblicher Beteiligung Deutschlands aufgebaut wurde. Während in Thailand oder Indonesien regelmäßig an den Küsten Übungen stattfinden und örtliche Behörden auf modernste Geräte zurückgreifen können, ist man sich im Süden Europas Berichten zufolge nicht ganz einig, ob Tsunamiwarnungen in Touristenhochburgen nur in der Landessprache oder doch in mehreren Idiomen ausgegeben werden – um nur ein Beispiel zu nennen.

Hinzu kommt, dass das Mittelmeer vergleichsweise klein ist und Flutwellen sehr rasch an Land schlagen. Das heißt, es gibt weniger Zeit für eine Warnung.

Sofern ein Tsunami überhaupt registriert wird. Gerade zwischen Bosporus und Gibraltar werden schätzungsweise nur zwei Drittel dieser Wellen von einem starken Seebeben angestoßen, das normalerweise relativ leicht und vor allem frühzeitig erfasst wird. Seismische Wellen im Untergrund sind nämlich schneller als Wasserwellen im Meer. Ein Drittel der mediterranen Tsunamis ist jedoch eine Folge von Hangrutschen unter der Wasseroberfläche. Sie können durch relativ schwache Erdstöße ausgelöst werden oder durch das Abgleiten einer Vulkanflanke.

Dieser Typ von Tsunami ist mit den bisher verfügbaren Geräten kaum aufzuspüren. Forscher aus mehreren Ländern, auch Deutschland, arbeiten an Techniken, die diese Lücke schließen sollen. Denkbar wären Detektoren, die potenzielle Flutwellen weit vor der Küste erfassen, oder Radarsysteme, die diese ungewöhnlich schnellen Wellen zeitig erkennen.

Entscheidend ist letztlich, welche Zerstörungskraft die Wellen am Ufer im Falle eines Falles entfalten. Das hängt nur teilweise vom Ort und der Stärke eines Erdbebens ab. Auch die Form des Meeresbodens und der Küste spielt eine große Rolle. Um den Effekt zu berücksichtigen, wurden für Indonesien mehrere tausend Tsunamivarianten simuliert und in einer Datenbank hinterlegt. Im Mittelmeer sind solche Szenarien erst ansatzweise vorhanden.

Es kann sein, dass die Tsunamiwarner dort noch ein paar Jahre Zeit haben, um ihr System zu verbessern. Es kann aber auch sein, dass es schon morgen aktiviert werden wird. Und das wird definitiv keine Übung sein.

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