Kolumne: Was Wissenschafft : Bei den Ärzten herrschen griechische Verhältnisse

Im Streit der Ärzte um ihre Honorare zeichnet sich eine Lösung ab. Trotzdem wird jetzt nicht alles gut. Die Ärzteschaft braucht nicht mehr Geld – sondern eine Reform.

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Alexander S. Kekulé ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.
Alexander S. Kekulé ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.Foto: promo

Im Honorarstreit der niedergelassenen Ärzte zeichnet sich eine Lösung ab. Die Krankenkassen haben ihr Angebot verdreifacht, dafür wurden die für kommende Woche angekündigten Praxisschließungen abgesagt. Statt der vom Schlichter festgelegten 270 Millionen Euro sollen Kassenärzte und Psychotherapeuten 900 Millionen zusätzlich bekommen. Das entspricht einer Honorarsteigerung von drei Prozent. Es sieht danach aus, dass den verunsicherten Patienten der „heiße Herbst“ und die „Folterinstrumente“ erspart bleiben, mit denen Ärztepräsident Montgomery gedroht hatte. Also Ende gut, alles gut?

Dass es keine Protestaktionen geben wird, die auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden, ist gut und richtig. Dass nun noch mehr Geld ins Gesundheitssystem fließt, ist jedoch alles andere als gut. Ohne eine umfassende Reform kommt für die Patienten, die Ärzte und den Staat das dicke Ende sicher hinterher.

Das deutsche Gesundheitssystem verschlingt inzwischen rund 290 Milliarden Euro jährlich, das sind 11,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenversicherung sind seit 1980 nahezu kontinuierlich gestiegen, von 11,4 auf derzeit 15,5 Prozent. Das System wird zur Gefahr für die Wirtschaft und, mit der Überalterung der Bevölkerung, in wenigen Jahren unbezahlbar. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat bereits gewarnt, dass Deutschland deshalb seine Spitzen-Bonität (AAA) verlieren kann.

Dabei steht der Aufwand schon lange in keinem Verhältnis mehr zu dem, was für den Erhalt der Gesundheit wirklich benötigt wird. Ein Großteil der verordneten Medikamente ist überteuert oder überflüssig. Zahlreiche Therapien bringen weder Heilung noch Linderung, noch Lebensverlängerung. Die Gesundheitsausgaben könnten ohne Weiteres um mindestens ein Drittel reduziert werden, ohne dass ein einziger Patient kürzer leben oder länger leiden müsste.

Ansatzpunkte dafür gibt es genug. Dass etwa der enorme Anstieg der Hüft- und Knie-Operationen (sowie zahlreicher weiterer Leistungen) auch wirtschaftliche Gründe hat, wird von Fachleuten kaum bezweifelt. Die Chemotherapie verschlingt Milliarden, obwohl sie nur bei wenigen Krebsarten hilft. Neu entwickelte, teure „Superpillen“ werden reihenweise wieder vom Markt genommen, weil die versprochene Wirkung ausbleibt – die Kosten dieser Feldversuche aber trägt die Solidargemeinschaft der Versicherten. Auch die Struktur des Gesundheitssystems ist dringend reformbedürftig: Die Unternehmensberatung A.T. Kearney rechnete kürzlich vor, dass der Anteil der Verwaltungskosten bei 23 Prozent liegt, viermal so hoch wie in der Industrie.

Obwohl genug Geld im System wäre, steht ein Teil der niedergelassenen Ärzte vor der Pleite – wogegen andere üppig verdienen. Zugleich herrscht in ländlichen Regionen Ärztemangel, während Großstädte mit luxuriösen Facharztpraxen gepflastert sind.

Es geht also darum, in einem geordneten Reformprozess nutzlose Leistungen abzubauen und zugleich das Verteilungs- und Strukturproblem bei den Arztpraxen zu lösen. Dafür zuständig wäre eigentlich die Ärzteschaft selbst, die ihr Budget über die Kassenärztlichen Vereinigungen verwaltet. Doch die Ärztefunktionäre haben dasselbe Problem wie griechische Politiker: Wer drastische Sparmaßnahmen vorschlägt, wird abgewählt.

Der Druck dieser notwendigen Reform muss deshalb von außen kommen. Die kurzfristig unvermeidbare Erhöhung des Budgets um rund eine Milliarde Euro sollte an die Vorlage eines verbindlichen, langfristigen Reformkonzepts geknüpft werden.

Statt die Leistungserbringer die Nachfrage alleine bestimmen zu lassen, muss unabhängig und transparent darüber entschieden werden, wie das Geld für die Gesundheit der Bevölkerung optimal eingesetzt wird. Konzepte dafür gibt es genug: Externe Qualitätssicherung, Vernetzung von Praxen und Kliniken, regionale Verbunde und vieles mehr. Wenn alles gut geht, wird es am Ende dieses Reformprozesses weniger sinnlose Therapien, weniger Klinikbetten und ja, auch weniger Ärzte geben. Und trotzdem – oder gerade deshalb – werden die Menschen gesünder sein.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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