Kolumne : Zum Frühstück ein gastrisches Abenteuer

Unsere Kolumnistin möchte eigentlich nur in Ruhe ihren Frühstückscroissant verspeisen, doch am Nebentisch erzählt einer seinem Handy von Verdauungsbeschwerden. Über verbale Enthemmungen im Zeitalter der Dauerkommunikation.

Pascale Hugues
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point". Foto: Tsp
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".Foto: Tsp

Es könnte besser gehen … wenn da nicht der Durchfall wäre … Zur Stunde von Ei im Glas, Milchkaffee und Croissants darf das ganze Café an diesem wenig appetitanregenden Geständnis teilhaben. Mit der triumphierenden Stimme eines Operntenors beichtet mein Tischnachbar in sein iPhone die tausendundeine kleinen Miseren, die ihm sein Verdauungstrakt auferlegt. Sein Gesprächspartner schweigt. Diese Stille muss er als Ermutigung wahrnehmen, denn er reiht eine Seufzerarie an die andere. Ich will Ihnen den Ostersamstag nicht damit verderben, dass ich meiner Pflicht als Chronistin des Berliner Alltags nachkomme und die Konversation detailliert wiedergebe. Keine millimetergenaue Reise durch den Dünndarm meines Nachbarn. Ja, es wäre mir lieber gewesen, nichts zu hören. Mich taub zu stellen. Zu spät. Ich sinke auf meinem Stuhl zusammen und versuche, mich auf meinen Text zu konzentrieren: Seit einer Woche lebe ich im Jahr 1943, in einem Keller. Drinnen: die Berliner, die sich auf Holzbänken drängen. Draußen: ein Bombensturm. Doch dank meines hemmungslosen Nachbarn ist meine Zeitmaschine in rasendem Tempo zurückgereist. Und plopp. Ich bin wieder an diesem Morgen des Jahres 2012 gelandet. Drinnen: die gastrischen Abenteuer meines Nachbarn. Draußen: die Aprilschauer. So sehr ich mir auch ins Gedächtnis rufe, dass die Inspiration kein Tabu kennt und versuche, mir an dem sehr schönen Gedicht von Valéry Larbaud mit dem Titel „Les Borborygmes“ ein Beispiel zu nehmen – meine Finger auf der Tastatur meines Laptops verkrampfen sich ohnmächtig.

Der Kellner, die Waden tätowiert und rundum gepierct, beobachtet mich schon eine Weile. Er ruft mir zu: „Lassen Sie sich von unserem Ambiente inspirieren!“ In seiner Stimme entdecke ich keine Spur von Ironie. Ich überrasche mich dabei, dass ich die wunderbare britische Schamhaftigkeit vermisse. Wenn man einen Engländer fragt, wie es ihm geht, überlegt er nicht. Er antwortet: Wonderful! Thank you! Mit einer festen Stimme, die dem Nachfragen einen Riegel vorschiebt. Erst später, auf dem Umweg über einen Satz, erfährt man, dass seine Mutter tags zuvor gestorben ist. Dieses Understatement, das mich auf die Palme brachte, als ich in London lebte, wäre heute ein Geschenk direkt aus dem Himmel.

Die akustische Promiskuität ist eine der großen Umwälzungen, die die Revolution der digitalen Kommunikation mit sich gebracht hat. Heute lauscht niemand mehr an der Tür. Niemand lässt mehr sein Taschentuch fallen, um, während man es sehr langsam aufhebt, einige Gesprächsfetzen vom Nebentisch mitzubekommen. Während mein Nachbar mir seine Pankreas und seine Gallenblase auf dem Silbertablett serviert, fällt mir plötzlich ein verschwundener Gegenstand ein: der zusätzliche Telefonhörer, mit dem man den Dialog mithören konnte. Man musste um die Genehmigung bitten, die Intimität des Gesprächs zu zerreißen. Das Ohr an die schwarze Muschel geklebt, genoss man dieses Privileg.

Gestern Nachmittag habe ich Radio France Internationale gehört. Salif ruft aus Mali an. Er wohnt 100 Kilometer von Bamako entfernt, in einem von der kathodischen und der virtuellen Welt abgeschnittenen Dorf. Kein Fernsehen, kein Internet, keine Wii, keine Playstation, nicht einmal ein Handy. Seine einzige Verbindung mit dem Rest des Planeten: ein Langwellenradio. Um 22 Uhr erlischt der Ton. Es ist Schluss. Wenn Salif im nächsten Dorf ein Fußballspiel sehen will, muss er 30 Kilometer zurücklegen. Im Studio unterhalten sich zwei Soziologen über dieses Phänomen. Sie sprechen über den Reichtum des „Innenlebens“, wenn man nicht von dem medialen Überkonsum erstickt wird. Über die Wirkung der Fernbedienung, die die psychischen Strukturen auflöst. Salif sagt nichts mehr. Er erinnert mich an die nicht sehr schönen Frauen, die man trösten will, indem man die inneren Werte rühmt. Mach dir nichts aus deiner Hakennase und deinen Michelinhüften, nur die seelische Ausstrahlung zählt. Ab und zu versucht Salif, die weisen Soziologen zu unterbrechen. Er sagt, er sei trotzdem traurig, dass er auf seinem Bildschirm keinen Fußball sehen – und spielen! – kann. Ich dagegen träume davon, mich für einige Zeit in das Tal der Ahnungslosen zwischen Steppe und Wüste zurückzuziehen.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke.

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