Kolunne "Mon Berlin" : Lesen für den kleinen Hunger

Unsere Autorin findet: Ein E-Book verhält sich zum Buch wie vakuumverpackte Käsescheiben zu einem am Vortag beim Crémier gekauften und schon leicht fließenden Camembert: geschmacklos, geruchlos, leblos.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Ich will mich nicht von den neuen Technologien abhängen lassen, will nicht weit abgeschlagen zurückbleiben und noch dazu von meinen Kindern ausgelacht werden. Deshalb habe ich in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht, ob es nicht höchste Zeit ist, dass ich mir zum Geburtstag einen E-Book-Reader schenken lasse. Um mich herum schwören alle darauf. In den Lounges der Flughäfen betrachte ich über die Schultern meiner Nachbarn die kleinen platten Bildschirme. Ja, für dieses neue technische Wunderwerk sprechen einige Vorzüge: Es ist klein, leicht, passt perfekt in die Handtasche, einfach zu bedienen, in 60 Sekunden ist ein Buch geladen. Es kann bis zu 1400 E-Books speichern! Und man hat die Wahl zwischen 200 000 Büchern, 4000 davon auf Französisch! Diese Superlative machen mich ganz betrunken. Ich sehe mich schon gemütlich im Zug sitzen und zwischen „La Comédie humaine“ und „Harry Potter“ hin und her zappen. Ich zähle mir die effektiven Vorteile auf: Weil das Gerät leichter als ein Taschenbuch ist, wird mir keine drei Tonnen schwere Handtasche mehr die Schulter verrenken. Ich werde auf Weltreise gehen und meine ganze Bibliothek mitnehmen. Cool!

Aber ein kleiner Satz lässt meine Lobpreisungen abrupt verstummen: Liest sich wie Papier!

Stopp! Nein!

Ein E-Book verhält sich zum Buch wie vakuumverpackte Käsescheiben zu einem am Vortag beim Crémier gekauften und schon leicht fließenden Camembert: geschmacklos, geruchlos, leblos. Essbar, das ja, aber nur für den hektischen kleinen Hunger, nicht für den Moment großer Genüsse. Eine Art Fast Reading. Zack zack. Balzac zwischen zwei Flügen. Ein Buch aus Papier dagegen … Ein Buch riecht nach etwas. Nach Tabak, nach Staub, nach Altem, nach saurer Milch, nach frischem Gras am Beginn des Sommers, nach Schweiß, nach dem Parfüm einer anderen, nach dem Essen von gestern, nach Kaffee. Vorige Woche bekam ich eine Mail von einem sehr alten amerikanischen Freund. Ob ich so nett wäre, in einem Antiquariat nach „Berliner Bälle“ von Rideamus in der Ausgabe von 1910 zu suchen. Er möchte, schrieb er, das Berlin der Kaiserzeit riechen.

Und dann – unter 200 000 Büchern wählen, was für ein Albtraum! Mit einem einfachen Klick auf 200 000 Bücher zuzugreifen ist so, als würde man in einem stürmischen Wörtermeer ertrinken. Die Stunden, die man E-Books in den Einkaufskorb legt und wieder entfernt. John Ford rein. Ursula Krechel raus. Helmut Schmidt auch dazu. Das E-Book will uns zu gierigen, unersättlichen Lesern machen, die keine Grenzen mehr kennen: Immer schnell. Immer mehr. Immer sofort. Immer alles.

Sicher, es ist keine angenehme Aussicht, im Rucksack kiloweise Bücher auf der Weltreise mitzuschleppen. Und was tun, wenn man sich ohne Lesestoff auf einer einsamen Insel wiederfindet? In den abgelegenen Hotels am Ende der Welt gibt es immer irgendwo in einer Ecke ein Buch, von dem sich ein Reisender befreit hat, um seine Fahrt unbeschwerter fortzusetzen. Ich liebe das so beruhigende Gefühl, wenn man keine Wahl hat. Ich erinnere mich an ein einsames Hotel in den nebligen Hügeln von Darjeeling während der Monsunzeit. Im Speisesaal hatte ich Melville entdeckt. Das einzige englische Buch. Moby Dick passt überhaupt nicht zu Indien. Weiß Gott, wie er hier gestrandet war. Und vielleicht hätte ich mich nie für Melville entschieden, wenn er mit 199 999 anderen hätte konkurrieren müssen. Ich nahm dieses Zufallsbuch mit in mein Zimmer. Ein wundervoller Fund, der mir Tage des Genusses schenkte.

Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, dass ich diese absurde Idee rasch verworfen habe. Zum Geburtstag habe ich zwei Kochbücher bekommen. Aus Papier. Herrlich. Köstlich. Schwer. Raumgreifend. Schön altmodisch. Eins wurde schon getauft, mit einem großen Fleck Olivenöl. Das andere riecht gut nach Thymian, Knoblauch und Schinkenspeck vom letzten Bœuf bourgignon. Es erinnert an einen langen, feuchtfröhlichen Abend. Plötzlich überfällt mich eine Horrorvision: Stellen Sie sich vor, Sie würden mithilfe eines E-Books kochen!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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