• Kombinat des Kapitalismus: Mit dem Ende der Treuhand-Nachfolgerin BVS ist der Osten befreit - vom Sündenbock

Meinung : Kombinat des Kapitalismus: Mit dem Ende der Treuhand-Nachfolgerin BVS ist der Osten befreit - vom Sündenbock

Antje Sirleschtov

Für die einen war sie die furchtbare Reinkarnation des eisigen Kapitalismus. Den anderen galt sie als einzig vorstellbare Möglichkeit, das ökonomische Chaos nach dem politischen Zusammenbruch der DDR zu verhindern und deren ganze Volkswirtschaft zu privatisieren. Vor drei Tagen verschwanden - ganz leise - auch ihre letzten Reste von der öffentlichen Bühne.

Von jetzt an wird Ostdeutschland endgültig ohne die Treuhandanstalt und deren Nachfolgerin, die Bundesanstalt für Vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BVS) auskommen. Ein Grund zu Furcht vor einer ungewissen Zukunft oder gar zu wehmütigem Rückblick? Mitnichten. Denn jetzt zieht noch einmal mehr ein Stück Normalität in die Wirtschaft der neuen Bundesländer ein. Keine staatsallmächtige Institution mehr, die die Geschicke von tausenden Unternehmen bestimmt. Kein mythenumwobener Apparat, den ein Millionenvolk ganz nach Belieben zum Buhmann für das eigene Schicksal erklären kann. Mit der Treuhandanstalt verlor der Osten Deutschlands in diesen Tagen seine letzte planwirtschaftliche Bastion.

Gewiss: Auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands kennen die Wissenschaftler keine wirkliche Alternative zu dieser politisch initiierten und zentralistisch gesteuerten Treuhandanstalt, die das ökonomische Leben zwischen Rügen und dem Thüringer Wald Anfang der neunziger Jahre ermöglicht hat. Niemand maßt sich an, zielsicherere Wege dafür aufzeigen zu können, wie man den politischen Spagat der Einigung der zwei deutschen Hälften hätte spannungsärmer gestalten können. Zu gewaltig war der Unterschied der ökonomischen Standards in Ost und West. Und zu groß der politische Druck, innerhalb kürzester Zeit ein Mindestmaß an sozialem Gleichstand zu schaffen. Das Vermächtnis der Treuhandanstalt liegt ganz bestimmt nicht nur darin, mehr als 39 000 Betriebe und Betriebsteile, zahllose Immobilien und Äcker privatisiert zu haben. Die Menschen im Osten verdanken ihr auch, dass sie sich als ausgleichender Puffer zwischen sozialistischer Verteilungswirtschaft und sozialer Marktwirtschaft verstand und letztlich einen massenhaften Erdrutsch des Lebensstandards verhindert hat.

Zu verantworten haben die Väter der Treuhandanstalt allerdings auch, dass sich die Menschen im Osten während der vergangenen Jahre nur sehr schwer vom bleiernen Gefühl der Fremdbestimmung befreien konnten. "Treuhand - Gräuelhand" und "Wessis raus" wurden massenhaft zu Synonymen für einen westdeutsch gelenkten Aufbau Ost, der zumindest bis Mitte der neunziger Jahre zu stark auf die Treuhandanstalt fokussiert war. So wurde ein viel zu großer Teil der 230 Milliarden Mark Schulden der Treuhand für den Erhalt eigentlich lebensunfähiger Betriebe verwendet, während die Ausstattung kleiner selbstständiger und neu gegründeter Unternehmen mit Start- und Investitionskapital vernachlässigt wurde. Und es gehört auch zu den Hinterlassenschaften der Treuhand, dass es den Funktionären im Arbeitgeber- und Gewerkschaftslager so lautlos gelang, ein Tarifvertragssystem flächendeckend über die neuen Bundesländer auszubreiten, das schon am Ende der achtziger Jahre in Westdeutschland als dringend reformbedürftig galt.

Mut zur Selbstbestimmung und Wahl eigener, wenn auch unkonventioneller Wege: Das sind wohl die wichtigsten Lehren, die die Verantwortlichen in den ostdeutschen Ländern, Kommunen, Unternehmen und Gewerkschaften aus der Zeit der Treuhänder ziehen müssen, wenn es gilt, junge kreative Menschen in den Regionen zu halten, die drückend hohe Arbeitslosigkeit abzubauen und endlich aus eigener Kraft die eigenen Ausgaben erwirtschaften zu können.

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