Meinung : Kommandeurstagung: Bedingt reformbereit

Robert Birnbaum

Missionare, die sich aufmachen, Ungläubige und Zweifelnde zu bekehren, müssen mit beidem rechnen: Entweder sie werden zu hochgeehrten Gurus einer gläubigen Gefolgschaft - oder sie landen im Kochtopf. Dem Verteidigungsminister Rudolf Scharping und seinem Generalinspekteur Kujat ist bei der Kommandeurstagung der Bundeswehr in Leipzig schon mal der Kochtopf vorgezeigt worden. Beide haben sich bemüht, die Chefs der Truppe für die bislang tiefgreifendste Reform der Bundeswehr zu gewinnen. Der Beifall aber war, höflich gesprochen, verhalten.

Nun liegt das bis zu einem gewissen Grade in der Natur der Sache. Der Versuch, eine Großorganisation grundlegend zu reformieren, setzt allemal Widerstände frei - zumal, so lange noch nicht klar ist, was die großen Worte und globalen Zahlen bedeuten. Dass abstrakt die Bundeswehr in der Fläche präsent bleiben solle, tröstet den Kasernenchef wenig, der konkret befürchtet, dass seine Einheit wegrationalisiert wird. In ihrer Doppel-Loyalität gegenüber der politischen Führung wie gegenüber den eigenen Leuten tun sich viele Kommandeure verständlicherweise schwer, begeistert einer Reform zuzustimmen, deren Folgen sie allenfalls in Umrissen kennen.

Zur Skepsis vieler Militärs trägt der Verdacht bei, dass mindestens zwei Pfeiler des Scharpingschen Reformwerks auf unsicherem Grund stehen. Der eine Unsicherheitsfaktor ist das liebe Geld. Die Finanzierung des Umbaus folgt in einigen zentralen Punkten dem Prinzip Hoffnung. Den zweiten Faktor hat Bundespräsident Johannes Rau als Gastredner deutlich angesprochen: Ob die Wehrpflicht auch nur die zehn Jahre überdauert, auf die die Reform angelegt ist, das ist nicht sicher. Rau hat die Diskussion darüber ausdrücklich für legitim erklärt - was um so schwerer wiegt, als er selbst erklärter Anhänger der Wehrpflicht ist.

Auf den Missionar Scharping und seine Ministranten wartet also noch schwere Bekehrungsarbeit. Aber an der führt kein Weg vorbei. Scharpings Bundeswehr-Reform setzt an vielen Punkten, von der alltäglichen Materialbeschaffung bis zur Vorbereitung auf Einsätze wie in Bosnien und im Kosovo, auf überzeugte Mitwirkung von unten. Das macht ihre Qualität aus. Aber darin liegt auch ihr Risiko. In Leipzig ist das sehr deutlich geworden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar