Kommentar : Apple macht die Emma

Lorenz Maroldt über die Pornografie-Richtlinien von Apple

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Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vicky ist 19, steht auf unbehaarte Italiener und hatte bisher Sex mit neun Männern. Am Mittwoch war sie in der „Bild“-Zeitung zu sehen: erste Seite, rosa Socken, blauer Slip – sonst nichts.

Vicky gibt’s auch digital in der application für’s iPhone: in der Online-Darstellung der Zeitung – und als Schüttel-Girl. Da posiert Vicky zunächst in Jeans und T-Shirt, aber wenn man sein iPhone kräftig hin und her bewegt, wird Vicky immer nackter.

Das Schüttel-Girl war der große Gimmick zur Markteinführung der „Bild“-App; heute steht sie auf Platz fünf der meistverkauften Anwendungen in Apples App-Store, vor zehntausenden anderen, ein Riesenerfolg. Und eine Überraschung. Wer Vicky auf dem Bildschirm so nackt erwartet wie in der Zeitung, wird enttäuscht: Der BH lässt sich partout nicht abschütteln; und auf dem digitalen Zeitungsbild sind ihre Brüste, anders als in der Papierversion, grell verblitzt.

Was ist da los!? Eine neue Prüderie, ausgerechnet im wilden www, das die Menschheit doch pornografisiert hat wie kein anderes Medium zuvor? Doch jetzt wird Vickys zarter Busen vor der harten Handywelt geschützt. Apple, mit rund 140 000 Anwendungen im Angebot für immer mehr Menschen unwiderstehlich, verweist auf die Richtlinien, an die sich halten muss, wer im App-Store etwas verkaufen will. Demnach sind pornografische Inhalte nicht erlaubt. Apple ist ein amerikanisches Unternehmen, und seit der Affäre „Nipplegate“, als Justin Timberlake beim Superbowl in der Halbzeitpause für ein paar Sekunden eine Brust von Janet Jackson freilegte und damit Millionen Eltern von Pubertisten schockierte, ist klar, wo für Amerikaner Pornografie beginnt.

Damit bahnt sich ein Zeitenwandel an, und nichts dokumentiert den deutlicher als Vicky, unsere halbnackte Lebensmittelfachverkäuferin aus Sachsen-Anhalt, die sich in der weiten Welt auszog, aber schamvoll bedeckt in einem digitalen Dorf landet. Das Internet, einst die große Verheißung von gratisgrenzenloser Freiheit, wird kommerzialisiert, zentralisiert und schließlich – zensiert.

Die Vertreibung aus dem Paradies beginnt auch online mit dem Biss in den Apfel. Was Alice Schwarzer mit ihrer Kampagne PorNo nicht schaffte, wird Steve Jobs nun vollenden. Auch wenn es eine „Emma“-App noch nicht gibt. Lorenz Maroldt

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