Kommentar : Christen im Orient - der Exodus

Christen und Juden haben den Nahen Osten geprägt genauso wie heute die Muslime. Trotzdem werden sie von selbsternannten Gotteskriegern und ihren geistigen Führern immer aggressiver denunziert als Agenten des Westens oder gar als Ungläubige.

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Trauer um die getöteten Christen im Irak.
Trauer um die getöteten Christen im Irak.Foto: AFP

Weihnachten in Angst – für viele Christen im Nahen Osten geht ein bedrückendes Jahr zu Ende. Die irakischen Gläubigen kehren in Scharen ihrer Heimat den Rücken. Familien suchen Unterschlupf im sicheren kurdischen Norden. Andere fliehen in Todesangst über die Grenzen nach Jordanien und Syrien. Wer noch ausharrt, duckt sich weg. Der chaldäische Bischof von Kirkuk hat alle Feiern zur Geburt Christi abgesagt, nachdem er und mehrere Priester per Mail Morddrohungen von irakischen Extremisten erhalten haben.

Libanons Maroniten fürchten einen neuen Bürgerkrieg. Auch die Kopten am Nil stehen im Visier von Al-Qaida-Terrorplanern. Vor Ägyptens Gotteshäusern patrouillieren Polizisten. Wer beten will, wird mit Metalldetektoren abgetastet. Selbst die Patriarchen des Heiligen Landes warnten in einer ungewöhnlich düsteren Weihnachtsbotschaft vor einer weiteren Zunahme von Gewalt. Ohnmächtig müssen sie den Exodus palästinensischer Christen mit ansehen. Die biblischen Schwesterstädte Bethlehem und Jerusalem trennt eine monströse Mauer. Und Papst Benedikt XVI. wertet das abgelaufene 2010 für seine orientalischen Mitgläubigen als Jahr der Verfolgung und Diskriminierung, als ein Jahr schrecklicher Gewalttaten und religiöser Intoleranz.

Denn ausgerechnet in der Unruheregion des Nahen und Mittleren Ostens, wo die Weltreligion einst entstand, droht das Christentum den Boden unter den Füßen zu verlieren. Hier liegen seine ältesten Wurzeln. An seinen Landschaften haben sich die Bilder und Erzählungen der Bibel inspiriert. Von Ur in Chaldäa, dem heutigen Südirak, machte sich Abraham auf ins gelobte Land, der wohl berühmteste Migrant der Weltgeschichte. Im palästinensischen Bethlehem wurde Jesus geboren. In Jerusalem ist er am Kreuz gestorben und nach dem Glauben der Christen drei Tage später wieder auferstanden. Und wäre nicht der in Tarsus geborene Jude Paulus bis nach Athen gezogen und hätte auf dem Territorium der heutigen Türkei und Griechenlands die ersten Gemeinden gegründet, die Jesus-Anhänger wären wohl als kleine jüdische Sekte eine Fußnote der Geschichte geblieben.

2000 Jahre später leben nur noch 17 Millionen Christen unter gut 400 Millionen Muslimen des Nahen und Mittleren Ostens – und ihre Zahl schwindet. Überall sind sie nur noch kleine Minderheiten. Ungeachtet dessen zählen Armenier, Kopten und Syrisch-Orthodoxe zu den ältesten Kirchen überhaupt zusammen mit den Chaldäern und Melkiten. Seit alters her gehört ihre religiöse Präsenz ganz selbstverständlich zum geistig-kulturellen Grundgewebe des Orients. Christen und Juden haben diese Region geprägt, genauso wie heute die Muslime. Trotzdem werden sie von selbst ernannten Gotteskriegern und ihren geistigen Führern immer aggressiver denunziert als Agenten des Westens, als Fremdkörper in ihren eigenen Völkern oder gar als Ungläubige.

Am Ende können durch solche Kampagnen nur alle verlieren. Das interreligiöse Klima in den islamischen Staaten wird schleichend vergiftet, das Zusammenleben gereizter. Das Zweistromland könnte wegen der monströsen Mordanschläge der letzten Monate sogar sein gesamtes christliches Erbe einbüßen. Zurück bleiben Gesellschaften, in denen islamische Puristen den Ton angeben; Nationen, die kulturell und religiös verarmen; und eine Region, die ihre in Jahrhunderten gewachsene innere Vielfalt verliert.

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