Kommentar : Das Leben ist ein Marathon

Marathon ist Breitensport geworden. Mit Gesundheit hat der Marathon an sich zwar nichts zu tun, das zeigt einem schon der schmerzende Körper im Ziel. Aber das richtige Training dafür umso mehr.

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Los gehts: Bei Dauerregen setzt sich der Tross mit über 40.000 Laufbegeisterten um 9 Uhr morgens in Bewegung.Weitere Bilder anzeigen
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27.09.2010 10:16Los gehts: Bei Dauerregen setzt sich der Tross mit über 40.000 Laufbegeisterten um 9 Uhr morgens in Bewegung.

Die Waage hat noch weiter ausgeschlagen: Fettleibigkeit wird zur Epidemie, verkündet die OECD, auch in Deutschland ist schon jeder zweite Bürger übergewichtig und jeder sechste krankhaft dick. Was hilft, ist Bewegung. An diesem Sonntag trifft sich nun wieder die größte Massenbewegung der Stadt, Zehntausende Menschen fühlen sich fit genug für eine Extrembelastung, für 42,195 Kilometer auf Asphalt. Läuft der Marathon gegen den Trend?

Wer sich an die Strecke stellt, zunächst die hageren Körper der Spitzenläufer an sich vorbeirauschen lässt und dann noch etwas wartet, wird sehen, dass auch Marathonläufer immer fülliger werden. Dazu passt, dass die durchschnittliche Ankunftszeit immer später wird: Sie liegt bei vier Stunden. Da war früher das Ziel schon fast geschlossen. Marathon ist, ja: Breitensport geworden.

Doch es gibt eben einen großen Unterschied zwischen der trägen Masse und der beweglichen. Mit Gesundheit hat der Marathon an sich zwar nichts zu tun, das zeigt einem schon der schmerzende Körper im Ziel. Aber das richtige Training dafür umso mehr. Mit langsamem, langem Laufen lässt sich manchem Volksleiden entkommen. Die übergewichtigen Läufer mögen als Maratonnis belächelt werden, doch sie tun das Richtige. Das Marathon-Rennen selbst ist nur das für alle sichtbare Ergebnis einer laufenden Entwicklung, das Mittel zum Zweck. Training und Durchhalten werden mit einem Glücksgefühl belohnt, wie es sonst Bergsteiger und Mondlander erleben.

Viele Zuschauer bleiben gerade für die langsameren Teilnehmer stehen, um ihnen den verdienten Respekt zu zollen oder einfach zu staunen, dass mancher Bauch tatsächlich über so eine lange Strecke im Laufschritt getragen werden kann. Es gibt wohl kein Sportereignis, bei dem unsportliche Figuren so bejubelt werden. Das macht es schweren Läufern leichter.

Der Reiz des Marathons liegt auch im Event, im Mythos. Und die Legende vom Läufer, der die Botschaft vom Sieg der Athener über die Perser in der Schlacht von Marathon überbrachte, feiert in diesem Jahr ihr 2500. Jubiläum. Unter gesundheitlichen Gesichtspunkten ist die Legende ein Totalschaden, denn der Läufer stirbt am Ende. Aber wie man heute weiß, ist der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ohnehin gering.

Seit es professionelle Marathonläufer gibt, wird nicht nur aus dem Training eine Wissenschaft gemacht. Spitzenläufer durchdenken akribisch, manchmal zwanghaft, jede Mahlzeit, jeden einzelnen Nährstoff. Bei den Freizeitläufern geht es eher um die Grundsätze der guten Ernährung. Der Marathon lehrt auf jeden Fall auch hier den bewussten Umgang mit dem eigenen Körper.

Die übergewichtigen Läufer werden an diesem Sonntag wieder zeigen, was mit Willen und Training alles möglich ist. Vielleicht haben sie sich in einem der vielen Lauftreffs vorbereitet, das wäre eine Parallele zu jüngsten Erkenntnissen der Ernährungsforschung. Eine Studie hat herausgefunden, dass gemeinsame Mahlzeiten vor dem Zunehmen schützen. Alleine essen macht dagegen dick. So ist es auch bei unerfahrenen Läufern im Training. Sie laufen oft zu schnell, spüren keine Fortschritte und verlieren die Lust. Zusammen zu laufen und sich dabei zu unterhalten schützt hingegen davor, aus der Puste zu kommen. Insofern haben Ernährung und Laufen ein gemeinsames Ziel: Nicht auseinandergehen.

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