Kommentar : Der Sandkastenreflex

Mehr Geld für den Aufbau West fordert Angela Merkel. Klaus Wowereit findet das dumm. Er agiert nach dem Motto: Jemand will mein Lieblingsspielzeug haben, also schreie ich, was das Zeug hält. Lasst auch mal die anderen spielen, kann man da nur raten.

Gerd Appenzeller

Mensch bleibt Mensch, daran ändern Ämter nichts. Und so können leibhaftige Länderregierungschefs wie kleine Kinder reagieren, die Angst haben, dass man ihnen ihr Lieblingsspielzeug wegnimmt.

Am Mittwoch wurde eine Interviewäußerung der Bundeskanzlerin bekannt, wonach sie sich nun für einen verstärkten „Aufbau West“ nach zwei Jahrzehnten des Vorrangs für den Osten aussprach. Auf ihren Reisen durch die alten Bundesländer sehe sie viele öffentliche Bauten aus den 60er und 70er Jahren, „wohingegen im Osten vieles neu ist“. Berlins Regierender Bürgermeister findet, das sei so ziemlich das Dümmste, was er in letzter Zeit gehört habe. Sachsens Ministerpräsident stimmt ihm in der Sache zu, vergreift sich aber nicht im Ton.

Ist das, was Merkel fordert, wirklich dumm? Betätigt sie sich gar als Spalter Deutschlands, wie ein SPD-Haushaltsexperte aus Thüringen beklagt? Ihr eigener Ostbeauftragter, der Minister Tiefensee, bestreitet sogar, dass der Westen benachteiligt worden sei.

Ein bisschen fürs Parkett redet die Kanzlerin schon, fürs hessische zum Beispiel. Da wird in einem Monat gewählt, und Roland Koch kann es am Beginn einer Wirtschaftskrise durchaus zupasskommen, wenn seine mächtige Parteifreundin gezielte Finanzspritzen für die auch in Hessen desolate Infrastruktur ankündigt. Aber Klaus Wowereit, der seinem Finanzsenator offenbar den Titel „Häuptling schnelle Zunge“ streitig machen will, könnte in seiner eigenen Stadt sehen, was Merkel meint. Auf der einen Seite haben der Bund und die ihm verbundene Bahn in den letzten anderthalb Jahrzehnten in die Verkehrswege Berlins Milliarden gesteckt. Auf der anderen Seite vergammeln öffentliche Bauten im alten Westberlin in einer unglaublichen Weise, und die Sanierungsaufgaben im Ostteil der Stadt sind längst noch nicht abgearbeitet. Wowereit hat in Berlin beides: was im Osten noch getan werden muss und was im Westen liegen blieb.

Dass die Straßen-, Bahn-, Versorgungs- und Kommunikationsnetze der neuen Länder innerhalb weniger Jahre die modernsten der Welt sein würden, hatte man nach der Wende ja wohlwollend-billigend als künftigen Standortvorteil einkalkuliert. Dass dabei Gewerbegebiete erschlossen wurden, in denen es bis heute kein Gewerbe gibt, dass gigantische Kläranlagen entstanden, in die kaum Abwässer fließen, ist bedauerlich. Aber auch da wurden jene öffentlichen Gelder verbuddelt, die im Westen, in der alten Bundesrepublik, fehlen.

Nein, Reaktion und Gegenreaktion laufen nach dem alten Sandkastenmuster ab: Jemand will mein Lieblingsspielzeug haben, also schreie ich, was das Zeug hält. Lasst auch mal die anderen spielen, kann man da nur raten. Die vergammelten Schulen und Hallen im Westen führen sonst irgendwann zu dem Unmut, der sich in Zornesausbrüchen über Folgen der Wiedervereinigung Luft macht. Und dann wird wieder über die Mauer in den Köpfen räsoniert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben