Kommentar : Die staatlich geförderte Vergreisung

Etwa jedes siebente Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Die Hoffnung dieser Menschen liegt auf einer künstlichen Befruchtung. Doch der deutsche Staat lässt sie im Stich, erlegt ihnen Schikanen auf - mit dramatischen Folgen für die Geburtenrate.

Malte Lehming

Babyboom in Berlin, auch bundesweit steigt die Geburtenrate. Da lacht das Herz, denn Kind und Glück, das gehört zusammen, für die Eltern, die Familie, die Gesellschaft. Aber nicht für jeden. Es gibt Menschen, die der Anblick einer schwangeren Frau oder eines Kinderwagens traurig macht. Ihnen brennt die Schlagzeile vom "Babyboom" wie ein Stich in der Seele. Nicht etwa, weil sie Kinder nicht mögen, neidisch oder missgünstig sind. Nein, das Glück der anderen erinnert sie nur an ihr eigenes Unglück.

Diese Menschen wünschen sich ein Kind wie sonst nichts auf der Welt, ihre Sehnsucht danach verzehrt sie förmlich. Doch sie sind unfruchtbar, ungewollt kinderlos. Das mit der Schwangerschaft klappt bei ihnen einfach nicht. Und weil das sehr privat und vielen peinlich ist, haben sie keine Stimme, keine Lobby. Niemand spricht für sie. Niemand empört sich über die Schikanen, die Ignoranz, die Kälte und Gnadenlosigkeit, mit der die deutsche Politik in Gestalt ihres Gesundheitswesens diesen Menschen begegnet.

Dabei ist es schändlich und ein Skandal, dass wir zwar ausgiebig über Eltern- und Betreuungsgeld, Krippen- und Kitaplätze debattieren, als Mittel, um die Geburtenrate anzuheben, dass wir Milliardensummen für das alles ohne irgend eine Erfolgsgarantie beschließen - aber jene Paare, deren Nachwuchswunsch nicht eigens stimuliert werden muss, grob im Stich lassen. Die Zahlen sprechen für sich: Etwa jedes siebente Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Man spricht von einer stillen Volkskrankheit. Als solche ist sie allerdings nicht anerkannt. Seit der Gesundheitsreform 2004 werden bloß noch drei künstliche Befruchtungsversuche (In-Vitro-Fertilisation, IVF) zu 50 Prozent von der Krankenkasse übernommen - und dies auch nur bei verheirateten Paaren. Den Rest, etwa 1600 Euro pro Behandlung, zahlt der Patient. Nach dem dritten Versuch zahlen die Kassen nichts mehr.

Die Folgen sind dramatisch. Die Zahl der nach einer IVF-Behandlung geborenen Kinder sinkt rapide. Im Jahr 2003 waren es 17.616 Kinder, im Jahr 2005 nur noch weniger als ein Drittel, nämlich 5482. Andere Länder, andere Trends. In Dänemark etwa erstatten die Krankenkassen die Kosten für drei IVF-Behandlungen komplett. Während in Deutschland im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2005 nur 1,65 Prozent aller Neugeborenen künstlich befruchtet worden waren, sind es in Dänemark bereits 3,9 Prozent.

Was das heißt? Würden die dänischen Verhältnisse auf Deutschland übertragen, könnten bis zum Jahr 2050 etwa 1,6 Millionen Kinder zusätzlich zur Welt kommen - das geht aus einer Studie hervor, die unlängst vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach erstellt worden war. Experten aus Cambridge haben gar errechnet, dass zur Steigerung der Geburtenrate die komplette Erstattung von IVF-Kosten billiger wäre als alle anderen Methoden wie Kinder-, Betreuungs- oder Elterngeld.

Deutschland vergreist. Wenn Ursula von der Leyen und Ulla Schmidt nicht nur sehen könnten, sondern auch zählen und fühlen, müsste das nicht so bleiben.

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